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Christoph Brumhard am Klavier. Musik spielt in seinem Leben eine große Rolle.

Immer machen, was geht

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Carpe diem. Nutze den Tag. Wenn es jemanden gibt, der die Horaz’schen Zeilen beherzigt, dann ist es Christoph Brumhard. Der 58-Jährige ist lebensbejahend, kreativ, musikalisch - und er leidet an fortschreitender Muskeldystrophie, die sein Leben erheblich einschränkt. Gerade deshalb hat der Leiter städtischer Seniorentreffs beschlossen: Immer machen, was geht.

Der Mann im Rollstuhl hat ein Keyboard auf den Knien, gibt die Melodie vor und los geht es. Die Senioren auf ihren Balkonen zücken ihre Liedtexte und stimmen ein. Ein Verstärker sorgt dafür, dass alle etwas von der Musik haben. Der Singkreis im Seniorentreff Curtmannstraße kann sich seit über einem Jahr nicht mehr im Haus treffen, aber eine Lösung für die Singstunde haben sie trotzdem gefunden, zumindestens ab und zu.

Christoph Brumhard ist seit 2006 Leiter der Seniorentreffs Curtmannstraße und Rodtberg, er weiß genau, wie den Senioren die Pandemie zusetzt. “Viele vermissen die Geselligkeit sehr„, sagt er. Seine Kolleginnen und er sind für die sechs städtischen Treffs zuständig, sie versuchen, so gut es geht Kontakt zu halten. Mit einem Blumengruß und Gebäck, mit Telefonanrufen, mit 1:1-Besuchen. Notlösungen, aber besser als nichts. “Auch ich sehne die Zeit herbei, in der wir endlich unser Programm wieder aufnehmen können„, sagt der 58-Jährige.

Zum Programm gehört unter anderem das gemeinsame Kochen am Freitag. Ein kleiner Kreis in der Curtmannstraße sorgt dafür, dass eine ordentliche Mahlzeit für alle im Treff auf den Tisch kommt. Das war damals eine der Voraussetzungen für den Job, erinnert sich Brumhard und lacht. Der Neue sollte einen Chor leiten, kochen und eine Gymnastikstunde abhalten können. Das mit der Gymnastikstunde war zunächst nicht so sein Ding, aber er hat es schnell gelernt. Singen und kochen war dagegen kein Problem. Und dass er zuvor mit Jugendlichen gearbeitet hatte und nicht mit alten Menschen? “Auch das war kein Hinderungsgrund, die Unterschiede sind manchmal gar nicht so groß„, verrät er. Brumhard ist ein Multitalent, von Haus aus, sozusagen. Er ist in einer eher ungewöhnlichen Pfarrersfamilie aufgewachsen, in der jeder mit anpacken musste.

Brumhard ist 1963 in Frankfurt geboren und mit acht Geschwistern aufgewachsen, die Eltern hatten sieben eigene Kinder, zwei Pflegekinder kamen hinzu. 1968 gründete der Dekanatsjugendpfarrer Helmut Brumhard gemeinsam mit Arnold Reichhardt (Besitzer von Hofgut Ringelshausen) sowie Kurt Bovensiepen (CVJM) das “Evangelische Freizeitzentrum mit Pferden„ bei Hungen, das es noch heute gibt. Sie organisierten Freizeiten für Kinder und Jugendliche. In diesen Ferien wurden zum einen christliche Werte gelebt und zum anderen Respekt und Achtung vor dem Mitgeschöpf Tier vermittelt. Das war insbesondere für Kinder, die aus einem schwierigen städtischen Umfeld kamen, eine neue und wichtige Erfahrung, erinnert sich Brumhard. Für die Kinder des Pfarrerpaares bedeutete der Hof - anfangs war es ein nur ein Zeltlager - zweierlei: Viel Arbeit auf dem Feld und mit den Tieren, aber auch viel Freiheit. Als Jugendlicher lernte das einstige Stadtkind den Umgang mit landwirtschaftlichen Maschinen - selbstverständlich konnte er Trecker fahren und Heu machen -, aber mit der Zeit wurden ihm auch alle handwerklichen Tätigkeiten inklusive Schreiner- und Schlosserarbeiten sowie Fliesenlegen, Dach decken und vieles mehr vertraut. Auch in der Küche konnte man ihn gut gebrauchen, was vermutlich den Grundstein legte für den späteren Hobbykoch und “Chefkoch„ im Seniorentreff. Natürlich gab es in den Camps auch Lagerfeuerromantik mit allem Drum und Dran - dass damals die Liebe zum Gitarrenspiel und gemeinsamem Singen geweckt wurde, liegt auf der Hand. Gleichzeitig war der junge Christoph im Dorf verankert: DRK, Feuerwehr, Fußball, Feiern, er war mittendrin und fühlte sich wohl dabei.

Im zarten Alter von 14 lernte er Barbara kennen, seine Jugendliebe und heutige Ehefrau. Ein toughes Mädchen, das wie er die Natur, Pferde und das Reiten liebte. Die beiden verloren sich in der Teeniezeit aus den Augen, erst mit Mitte 20 trafen sie sich wieder und heirateten. Durch Barbara, sagt Brumhard heute, wagte er den Blick über den Tellerrand. Er sei damals ein eher ängstlicher und sehr bodenständiger Typ gewesen, der keinen Grund sah, sich auch mal außerhalb der hessischen Heimat umzuschauen. Barbara gab den Impuls für wunderbare Reisen: Das Paar war oft in Kanada bei Freunden, sie fuhren nach New York, Spanien, Frankreich oder auch “nur„ in die Seenlandschaft Ostdeutschlands.

Wann immer es Barbara und Christoph möglich war, packten sie ihre Koffer und machten sich auf den Weg. Das taten sie in dem Bewusstsein, dass Aufschieben und Verschieben keine Option für sie ist. Er hat genetisch bedingte Muskeldystrophie, sie leidet an Multipler Sklerose. Beide sind mittlerweile auf einen Rollstuhl angewiesen. Und weil das so ist, war “Carpe diem„ immer ihrer beider Lebensmotto. Ihr jetziges Leben ist eingeschränkt, aber beide machen mit Leidenschaft, was geht. Barbara malt, die ganze Wohnung hängt voller wunderbarer, farbenfroher Bilder. Er liebt Musik; seit er nicht mehr gut Gitarre spielen kann, nutzt er das Klavier mehr als früher, zudem hat er das Keyboard, das er sich auf die Knie legen kann.

Außerdem singt der 58-Jährige nach wie vor gerne, nicht nur mit seinen Senioren, sondern auch in dem Pohlheimer Chor “modern voices„. Brumhards sind kreative, lebensfrohe Menschen, sie ergänzen sich gut. Und sie geben einander Halt. “Er ist ein herzlicher, in jeder Hinsicht großzügiger Mensch„, sagt sie. “Sie ist eine mutige, starke Persönlichkeit„, sagt er.

Bevor Brumhard seinen Job in der Seniorenarbeit der Stadt Gießen begann, hat er einiges ausprobiert und in ganz unterschiedlichen Bereichen Kenntnisse erworben. Nach dem Abitur hat er zunächst Theologie studiert, danach Biomedizintechnik. Beides war nicht das Richtige für ihn. Stattdessen machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. “Die Schrauberei war schon immer mein Ding„, erklärt er mit einem Grinsen. Seinen Zivildienst absolvierte Brumhard im Katastrophenschutz, er wurde Rettungsassistent und war später selbst Ausbilder, er arbeitete zudem für die Aktion junge Menschen in Not, war für den Pferdehof tätig, und Ende der 90er Jahre hat er für das DRK das Internet implementiert. Eine kunterbunte Mischung.

Dass er sich auch in Sachen IT gut auskennt, kommt derzeit der Seniorenarbeit zugute. Dort gibt es nicht nur verschiedene Online-Angebote für Senioren, sondern im Zusammenhang mit dem Projekt “Digital-Kompass„ ist das Team dabei, die ältere Generation fit zu machen mit Tablet, Smartphone und Co. Auch auf diesem Feld ist der 58-Jährige mit Ideen und Kreativität dabei, derzeit tüftelt er an einem leicht verständlichen Online-Quiz. Brumhard ist bei seinen Kolleginnen außerordentlich beliebt, und bei seinen Seniorinnen und Senioren sowieso. “Sie lieben ihn„, bringt es eine Mitstreiterin auf den Punkt. Sie schätzen seine Fröhlichkeit, seine Herzlichkeit und Zugewandtheit.

“Ich bekomme viel zurück„, sagt Brumhard. Er erfahre nicht nur großartige Unterstützung, sondern spüre auch, wie dankbar “seine Leute„ seien. Er freut sich wie die Senioren auf “richtige„ Treffen, auf Singstunden und das Kochen. Bis es soweit ist, signalisieren die Leiter der Treffs den Senioren auf andere Art, dass sie sie nicht vergessen haben. Das Lebensmotto gilt auch hier: Machen, was geht.

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