"Der idiotische Paragraf muss weg"

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Es ist wieder laut vor dem Gerichtsgebäude, aber diesmal sind es keine Sprechchöre, sondern es ist das Brummen der anfahrenden Stadtbusse. "Kommt bitte alle nach vorne, sonst hört man nichts von den Reden", ruft Kersten Artus vom Komitee, das die Gießener Ärztin Kristina Hänel in ihrem Kampf gegen den Paragraf 219 a unterstützt. Rund 120 Leute stehen am Freitagmorgen gegen acht Uhr an der Ostanlage vor dem Landgericht, in dem eine Stunde später der Berufungsprozess beginnen soll.

Es ist wieder laut vor dem Gerichtsgebäude, aber diesmal sind es keine Sprechchöre, sondern es ist das Brummen der anfahrenden Stadtbusse. "Kommt bitte alle nach vorne, sonst hört man nichts von den Reden", ruft Kersten Artus vom Komitee, das die Gießener Ärztin Kristina Hänel in ihrem Kampf gegen den Paragraf 219 a unterstützt. Rund 120 Leute stehen am Freitagmorgen gegen acht Uhr an der Ostanlage vor dem Landgericht, in dem eine Stunde später der Berufungsprozess beginnen soll.

Die Stimmung ist nicht so kämpferisch wie im November, als 100 Meter entfernt im Amtsgericht Hänels Fall verhandelt wurde. Und es sind auch – anders als im November – keine sogenannten Lebensschützer gekommen, mit denen Hänels Unterstützer/innen diskutieren könnten. Auf dem Platz vor dem Landgericht ist man sich mithin zu 100 Prozent einig, dass es Ärzten und Ärztinnen erlaubt werden muss, öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren.

Entsprechend ist der Tenor der halbstündigen Kundgebung, die von einem Großaufgebot an Medien begleitet wird. Medizinerinnen wie Kristina Hänel, die über den Eingriff sachlich informieren wollten, "dürfen nicht länger kriminalisiert werden", sagt Jutta Güldenpfennig vom Bundesverband pro familia. Dann sind die Politiker an der Reihe. SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel hofft darauf, dass die Verurteilung Hänels zweitinstanzlich "korrigiert" wird und verspricht, dass die SPD-Bundestagsfraktion am Ball bleiben wird, um den 219 a abzuschaffen. Dass das mit der großen Koalition gelingt, könne er nicht versprechen. Am Rande ergänzt er: Möglicherweise schon nächste Woche wolle die SPD ihren zurückgezogenen Antrag wieder aufrufen. Zunächst aber blicke alles auf die Bayern-Wahl am Sonntag.

Grünen-Landtagsabgeordnete Sigrid Erfurth drückt den Genossen die Daumen. "Ich weiß, wie schwierig es ist, in einer Koalition eine Übereinkunft zu erzielen." Man müsse versuchen, die CDU für die "Nöte der Frauen" zu sensibilisieren, rät Erfurth. Die Landtagsabgeordnete Marjana Schott (Linke) spricht den Befürwortern des 219 a den Anspruch ab, Leben zu schützen. "Vor den Rüstungsfirmen steht keiner von denen und demonstriert", sagt Schott und ruft unter Beifall: "Der idiotische Paragraf muss weg." FDP-Politikerin Heike Schaumann aus NRW hält es für absurd, dass in einer Informationsgesellschaft einerseits nicht sachlich über einen medizinischen Eingriff informiert werden dürfe, während andererseits im Internet "jede absurde Meinung veröffentlicht werden darf". Die Berliner Medizinstudentin Amelie Kolandt von Medical Students for Choice und dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung verweist darauf, dass der Schwangerschaftsabbruch an den Universitäten nicht gelehrt wird. "Der 219 a muss weg, und das kann nur der Anfang sein", ruft sie.

Um kurz vor halb neun: Kristina Hänel gibt noch ein paar Interviews, dann leert sich der Platz. Eine Handvoll Demonstranten wartet draußen, als es gegen neun Uhr plötzlich hektisch wird. Justizwachmeister schleppen nacheinander zwei barbusige junge Frauen durch den Haupteingang ins Freie, Kameraleute und Fotografen drängen aus dem Gebäude nach. "Stop war on women" und "Mein Bauch gehört mir" steht auf ihren Körpern. Sie seien aus Berlin und gehörten zu den Femen Deutschland, erzählen sie und machen sich auf den langen Heimweg.

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