Das Amtsgericht. FOTO: EP
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Das Amtsgericht. FOTO: EP

"Ich wollte das nicht, aber die Drogen…"

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Gießen(khn). Hier im Zeugenstand sitzt eine tief enttäuschte Frau. Die 54 Jahre alte Gießenerin blickt immer wieder kurz zu dem 37 Jahre alten Mann auf der Anklagebank, wendet dann aber augenrollend den Blick von ihm ab. Als er sich bei ihr entschuldigen will, schlägt sie das aus - und er seine Hände vors Gesicht. Er hat ihr Vertrauen missbraucht und sie um fast 4000 Euro betrogen. Nun ist dem Mann am Dienstag am Amtsgericht Gießen der Prozess gemacht worden.

Kennengelernt hatten sich die beiden im Internet; die Gießenerin hatte den Mann sogar in seiner polnischen Heimat besucht. Welcher Art ihre Beziehung war - darüber gehen die Meinungen im Gerichtssaal auseinander: Sie sagt, er sei "zu Besuch" gewesen: "Er übernachtete bei mir, er besaß einen Schlüssel, und ich unterstützte ihn." Der Angeklagte hingegen spricht von einer Beziehung. Ab Januar 2019 hatte der Mann mit dem eisbonbonblauen Auge - auf dem anderen ist er nach einem Schlag mit einem Baseballschläger blind - bei ihr gewohnt. Weil er sich illegal in Deutschland aufhielt, ging er keiner Arbeit nach und erhielt auch keine staatliche Hilfe.

Immer wieder, erzählt die 54-Jährige, habe ihr "Besuch" um Geld gebeten. Sein Pflichtverteidiger Alexander Hauer spricht in diesem Zusammenhang von "Anbetteln". Das Geld scheint nicht gereicht zu haben. Denn laut Anklageschrift nahm der Mann zwischen dem 19. Januar und dem 7. Februar dieses Jahres die Bankkarte der Frau an sich und hob viermal Geld ab - insgesamt 3700 Euro. Dies alles scheint sie nicht bemerkt zu haben. Aber weil sie seinen Bitten um mehr Geld immer wieder nachgab, versteckte sie die Bankkarte schließlich auf ihrer Arbeitsstelle. Am 11. Februar nahm der Mann den Transponder für eben jene Arbeitsstelle an sich, drang in ihr Büro ein, brach einen Rollcontainer auf und entwendete die Karte. Damit hob er 170 Euro ab. Zudem verkaufte er ihren Laptop für 70 Euro.

Warum das alles? Das Zauberwort heißt Beschaffungskriminalität. Der 37-Jährige konsumiert seit seiner Jugend Cannabis, seit 2016 nimmt er Heroin und seit 2019 Kokain. Täglich, rechnet der psychologische Sachverständige Jens Ulferts vor, habe er 100 Euro für Drogen benötigt. Der 37 Jahre alte Mann zeigt sich während des Prozesses geständig, beschönigt nichts. "Ich wollte das nicht", sagt er, "aber die Drogen…"

Der Elektriker ist für die Justiz kein Unbekannter: 16 Einträge finden sich im Bundeszentralregister. Meistens wegen Diebstahls, aber auch wegen Körperverletzung. Zweimal wurde er abgeschoben, kehrte aber stets nach Deutschland zurück. Ulferts erkennt bei ihm Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung; für schuldfähig hält er ihn dennoch: Bei seinen Taten sei er planvoll vorgegangen.

"Sie haben das nicht aus Langeweile getan", sagt Richterin Sonja Robe, "sondern um Ihr Leben zu finanzieren. Und Ihr Leben waren die Drogen." Sie schließt sich der Forderung von Staatsanwalt Markus Schneider an und verurteilt den Angeklagten zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft. Wenn er einen Teil davon verbüßt hat, wird er in eine Entzugsklinik eingewiesen.

Hat die 54-Jährige eine Entschuldigung des Angeklagten während des Prozesses kategorisch abgewiesen, spricht sie nach der Urteilsverkündigung einige Worte mit ihm auf Polnisch. Vielleicht nimmt er es sich ja zu Herzen, was der Staatsanwalt ihm sagt: Der Entzug sei seine vielleicht letzte Chance, den richtigen Weg einzuschlagen.

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