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Tatort der Messerattacke: die Egerländer Straße.

Zeugenaussagen

Gießen: Mordprozess am Landgericht – „Ich wollte einen bösen Menschen töten“

  • VonConstantin Hoppe
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Am Gießener Landgericht wird ein Mordprozess geführt. Der 49-jährige Beschuldigte sagt aus – und beschreibt die Tat eindrücklich.

Gießen – »Ich war unterwegs und wollte einen bösen Menschen töten.« Ein tödlicher Messerstich auf offener Straße und am helllichten Tag: Am 29. Oktober des vergangenen Jahres wird ein 60-jähriger Gießener gegen 14.30 Uhr in der Egerländer Straße von einem seiner Nachbarn niedergestochen. Am Mittwoch stand nun der zweite Verhandlungstag in dem Verfahren im Saal 227 des Gießener Landgerichts an.

Dabei äußerte sich nun auch der Beschuldigte - ein 49-jähriger Gießener. Er legte ein volles Geständnis ab. Der Mann leidet an einer psychischen Erkrankung und hört Stimmen, die ihm auftragen, was er tun soll. Der 49-Jährige räumte ein, den 60-Jährigen vor dessen Haus in der Egerländer Straße niedergestochen und dabei tödlich verletzt zu haben. »Ich bin mit dem Küchenmesser durch die Stadt gelaufen«, berichtet der 49-Jährige. »Ich war unterwegs und wollte einen bösen Menschen finden und töten.«

Mordprozess in Gießen: Nachbarn als Opfer ausgewählt

Wie er auf die Idee gekommen sei, einen »bösen Menschen« zu töten, wollte die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze von dem Beschuldigten wissen. »Gott hat mir gesagt, ich sollte einen bösen Menschen - einen Homosexuellen - töten«, lautete die Antwort. »Und angenommen es gebe einen solchen bösen Menschen, wie wollten Sie diesen denn erkennen?«, fragte die Richterin weiter nach. Der Beschuldigte antwortet schnell: »Das sieht man an den Augen und dem Blick.« Bei seinem Weg durch Gießen sei ihm zwar kein solcher »böser Mensch« begegnet - aber kurz bevor er wieder zu Hause war, sei ihm auf der Straße sein Nachbar begegnet: »Bei ihm habe ich das in den Augen gesehen«, gab der 49-Jährige an.

Den weiteren Ablauf bestätigte der 49-Jährige: Er habe seinen Nachbarn gefragt, ob dieser schwul sei, das Opfer fragte »Warum?«, da stach der Beschuldigte zu. »Das Messer hielt ich so, dass er es nicht sehen konnte«, gab der 49-Jährige an.

Danach sei er in seine Wohnung gegangen, habe das Messer auf dem Weg bei den nahen Mülltonnen entsorgt und dann seinen Rucksack gepackt. Als die Polizei am Tatort eintraf, ging er direkt zu einem der Polizeibeamten und teilte mit, dass er der Täter sei. Der Stich verletzte den 60-Jährigen sowohl an der Lunge wie auch am Herz - auch eine Notoperation konnte den Gießener nicht mehr retten.

Gießen: Zeugenanhörung im Mordprozess

Neben der Einlassung des Beschuldigten wurde am Mittwoch auch eine ganze Reihe von Zeugen angehört: Darunter Ersthelfer und Polizeibeamte. Der zuerst am Tatort eintreffende Polizist konnte bestätigen, dass sich der Beschuldigte noch direkt am Tatort an ihn gewendet habe: »Er war absolut ruhig, hat nicht geschrien oder Ähnliches, er hat mir ganz ruhig gesagt, dass er zugestochen hat.« Es folgte die Verhaftung, bei der der 49-Jährige auch der Polizei mitteilte, wo er das Messer entsorgt hatte. Ein weiterer Polizist fügte als Zeuge hinzu: »Die ersten Angaben des Beschuldigten während der Verhaftung waren klar, und er war auch gut zu verstehen. Im weiteren Verlauf wirkte er dann aber verwirrt, führte Selbstgespräche und hatte Stimmungsschwankungen - er war innerlich sehr aufgewühlt.«

Die Erinnerungen an die Tat sind nach Auskunft des Verteidigers bei seinem Mandanten noch vorhanden, auch wenn der Beschuldigte aufgrund seiner psychischen Erkrankung eine andere Wahrnehmung der Dinge habe als gesunde Menschen. Der Blick auf das Geschehen habe sich jedoch geändert: Bevor der Beschuldigte wieder regelmäßig seine Medikamente nahm, verteidigte er die Tat - seit seiner Unterbringung in der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina und der erneuten medikamentösen Behandlung zeigt er Reue. Der Prozess wird in der nächsten Woche fortgesetzt. (Constantin Hoppe)

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