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Christian Lugerth

"Ich bin genetischer Ossi"

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"Gundermann - Tankstelle für Verlierer" heißt das neueste Theaterprojekt von Christian Lugerth. Wer ein Biopic des DDR-Liedermachers Gerhard Gundermann erwartet, irrt. 30 Jahre nach dem Mauerfall will Lugerth vielmehr den Westen an den Osten erinnern. Der Regisseur erklärt, was ihn an "Gundis" Musik fasziniert und warum das Stück anders ist als der Film.

Warum haben Sie ein Stück über Gundermann geschrieben: Interessiert Sie eher das Thema Mauerfall oder der Typ?

Christian Lugerth:Alles davon. Ich habe den Film von Andreas Dresen gesehen. Vorher war mir Gundermann nicht wirklich ein Begriff. Mich hat aber gar nicht so sehr die Figur Gundermann interessiert, sondern seine Texte. Ich habe selten von jemand gehört, in dem der Riss, der durch viele Menschen in der DDR geht, dermaßen in einer Person kulminiert. Ursprünglich hatte ich einen Weltmusikabend entworfen, bei dem Musiker aus diversen Ländern zum Beispiel im Notaufnahmelager Meisenbornweg Gundermann-Lieder spielen. Für das Theaterstudio habe ich mir etwas in kleinerem Rahmen ausgedacht. Für mich waren die Liedtexte wichtig, weniger die Melodien.

Im Film wird klar, dass Gundermann Extreme in sich vereint: er ist Täter und Opfer in einer Person. Wie wirkt er auf Sie?

Lugerth:Gundermann war mit seiner Zerrissenheit die Personifizierung der Widersprüchlichkeiten der DDR. Andreas Dresen hat gesagt: ›Wir müssen endlich mal die Geschichte der DDR mit unseren Deutungen erzählen‹. Das ist für mich auch eine persönliche Geschichte. Ich bin genetischer Ossi. Die Hälfte meiner Familie lebt in der DDR. Meine Mutter ist 1956 mit mir schwanger meinem Vater in den Westen gefolgt. Ich habe ab 1966 ab und zu die Ferien in der DDR verbracht und nach der Wende viel drüben, in der alten Heimat, gearbeitet. Dass meine Onkel nicht AfD wählen, macht mich stolz nach dem, was die nach 1989 erlebt haben. So wie Gundermann. Deren Lebensleistung wird aus Westsicht nicht wahrgenommen.

Es macht also kein Wessi ein Stück über Ossis?!

Lugerth:Ich bin eigens nach Hoyerswerda gefahren und habe dort das Stück zu Ende geschrieben. Meine Pension lag direkt am Friedhof, wo Gundermann begraben ist. Zwei Kilometer weiter war die inzwischen geflutete Grube, in der er zuletzt gearbeitet hat. Ich habe dort auch mit Leuten geredet, die Gundi kannten, mit ihm etwa seine allerersten Konzerte mit der Brigade Feuerstein in der Waschküche eines Plattenbaus organisiert haben und heute dort ein Gundermann-Archiv betreiben. Das hat mir sehr geholfen. Die haben ihn aber auch gelegentlich, als ›anstrengendes Arschloch‹ kennengelernt. Muss man wohl sein, will man mit seiner Kunst irgendwo hin.

Das erinnert an Ihren Rio-Reiser-Abend!

Lugerth:Dieser Gundermann-Abend wird mit dem Rio-Reiser-Abend praktisch nichts zu tun haben. Der basierte auf einem Stück von Heiner Kondschak, orientiert an Rios Biografie. Das machen wir jetzt nicht, auch wenn Sascha Bendiks wieder dabei ist. Im Grunde ist es eine Collage. Wir sind zu viert auf der Bühne: Esra Schreier ist die Frau, David Moorbach der Mann, ich selbst spiele den Alten und Sascha Bendiks ›Helmut, den Schatten‹, der im Tagebau gestorben ist. Wir sind aber auch wir selbst und springen für Spielszenen und Lesungen aus den Liedern raus. Es ist eine Materialsammlung und ganz viel Assoziation. Wir haben ein Gerüst aus Gundermann-Liedern und Texten von DDR-Schriftstellern gebaut: Volker Braun, Thomas Brasch, Heiner Müller. Alles Leute, die leben und schreiben in Reibung mit dem DDR-Staat, aber ihn nicht verlassen wollen, weil sie noch Hoffnung haben etwas bewirken zu können. Oder dann wie Brasch doch gehen und im Westen nicht glücklich werden. Das hat mich interessiert. Darum auch der Untertitel "Ein Versuch den, Westen an den Osten zu erinnern". Über die Person Gundermann wird man im Stück praktisch nichts erfahren. Es wird nur Zitate von ihm geben.

Sollte man sich den Film "Gundermann" vorher anschauen?

Lugerth:Das schadet nicht. Ich werde aber nicht den Film theatralisch nacherzählen.

Und warum heißt das Stück "Gundermann - Tankstelle für Verlierer"?

Lugerth:Das spielt auf das gleichnamige Buch von Hans D. Schütt über Gundermann an und ist auch ein Zitat von ihm. Gundermann hat gesagt: ›Ich möchte gern so etwas sein wie eine Tankstelle für Verlierer. Glücklich wäre ich, wenn Leute sagen würden, sie brauchen zum Leben Brot, Wasser und Lieder von Gundermann.‹ Der Ober- und der Untertitel werden sich auch über das Bühnenbild von Lukas Noll erklären.

Gundermann war sehr naiv!

Lugerth:Total. In Bezug auf seine IM-Tätigkeit hat er sinngemäß gesagt, dass er sich in dem Staat im Sinne einer höheren Macht wohlgefühlt habe und in seinem kleinen Bereich dienen wollte. Das einer Sache dienen wollen finde ich allerdings nicht ganz dumm.

Aber als Person finde ich Gundermann schwierig. Er hat erst sehr spät dazu gestanden, dass er Freunde und Band-Mitglieder bespitzelt hat.

Lugerth:Ich bin mir da nicht so sicher. Das versuche ich auch im Stück zu erzählen. Aus Westsicht gibt es diesen Gratismut. Das können wir aus unserer komfortablen reichen Westsicht leicht sagen. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen sich dem ausgesetzt hätten, als bei den Demos 1989 zum Beispiel in Leipzig durchaus mit Panzereinsätzen gerechnet wurde. Jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, und auch aufgrund der AFD-Wahlergebnisse im Osten, beginnt im Westen ein Nachdenken. Das ging damals doch alles rasend schnell und niemand hatte das wirklich im Griff. Westdeutschland hat bis zu den 68ern gebraucht, um sich mit seiner Nazi-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Heute werden die Menschen im Osten aufgefordert, sich zu ihrer DDR-Schuld zu bekennen. Das empfinden sie als extrem verletzend. Mir war es ganz wichtig, bei "Gundermann" keine Wertung vorzunehmen. Der Abend ist eine einzige Frage und bestenfalls Anregung zur Diskussion.

Das Stück gibt also den Anstoß, genauer hinzuschauen?

Lugerth:Das wäre der Versuch. Auch auf die aktuelle Situation beispielsweise in Thüringen. Unser gemeinsames Erinnern im Spiel soll die Zuschauer anregen, die 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht nur auf Trabi-Romantik, einen sächselnden Stumph oder Stasi zu reduzieren. Das war doch viel, viel mehr.

Gundermann boomt aktuell: Nach dem Dresen-Film gibt es aktuell noch einen namens "Gundermanns Revier".

Lugerth:Das ist doch toll. Der hat das absolut verdient.

Wird es Gundermann-Konzerte geben?

Lugerth:Da steht noch nichts fest. Vielleicht werde ich mich später mit befreundeten Musikern Gundermann widmen. Aber im Stück gibt es allein rund 20 Lieder. Also viel Musik zu hören. Da muss sich keiner Sorgen machen. Es gibt keine Beschallungsanlagen oder Schlagzeug, aber Percussion, Bass, Gitarren und schräge Sachen. Ich bin ganz froh, dass wir das im taT nun im kleineren Rahmen machen, nah an den Leuten dran.

Wäre es nicht spannend, das Stück mal im Osten zu spielen?

Lugerth:Eine Einladung gibt es: nach Hoyerswerda.

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