Polizei und Versammlungsbehörde beobachtete die "Hygiene-Demo" in der Gießener Innenstadt.
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Polizei und Versammlungsbehörde beobachtete die "Hygiene-Demo" in der Gießener Innenstadt.

Corona-Rebellen

"Hygiene-Demo" in Gießen: Warnung vor Bill Gates und "DDR 2.0"

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Etwa 100 sogenannte Corona-Rebellen haben am Samstag erneut unangemeldet einen "Hygiene-Spaziergang" durch die Gießener Fußgängerzone durchgeführt. Die Hygienedemo wird zum Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei und der Versammlungsbehörde.

Gießen - "Die Linken melden sich ordnungsgemäß an, demonstrieren auf Abstand, tragen Mundschutz und die machen, was sie wollen", meint der Beobachter aus dem Ausländerbeirat. Er steht am Samstagnachmittag an der Südanlage vor der Kongresshalle und zeigt hinüber zum Stadttheater. Dort stehen und sitzen etwa 100 Personen auf den Stufen und dem Vorplatz herum, teilweise dicht an dicht, einen Mundschutz trägt hier keine/r.

Sie sind bundesweiten Aufrufen zum Protest gegen die "Gesundheits-Diktatur" gefolgt, in Gießen werden die "Hygiene-Spaziergänge" zudem von einer örtlichen Corona-Rebellen-Gruppe über den Kurznachrichtendienst Telegram koordiniert.

"Hygiene-Demo" in Gießen: Warnung vor Bill Gates und "DDR 2.0"

Verantwortung für die Zusammenkünfte am Stadttheater indes will niemand übernehmen. Erneut ist das Treffen bei der Stadt nicht angemeldet worden, bestätigt ein Mitarbeiter der Versammlungsbehörde. Polizei und Versammlungsbehörde haben keinen Ansprechpartner und tun sich offensichtlich schwer, die Treffen der sogenannten Corona-Rebellen als politische Versammlungen einzustufen.

Derweil hat sich vor dem Rathaus eine Gegendemonstration mit vorwiegend jungen Leuten aus der Gießener Linksszene formiert. Sie ist angemeldet worden, der Anmelder stellt sich der Polizei vor, die etwa 120 Teilnehmer tragen Mundschutz und haben sich in Reihen mit Abstand aufgestellt. "Wir brauchen keine rechten Verschwörungstheorien, sondern in dieser Krise die Solidarität mit den Schwächsten der Gesellschaft", sagt ein Rednerin.

Die rund 100 Personen vor dem Stadttheater machen immer noch keine Anstalten, Hygienegebote, die für solche Menschenansammlungen gelten, zu befolgen. Und unpolitisch, wie manches Plakat Glauben machen will, ist diese Versammlung erst recht nicht. Auf einem Flugblatt, das verteilt wird, steht: "Wir rufen dich auf, dich zu erheben." Gewarnt wird unter anderem vor Microsoft-Gründer Bill Gates. Der habe sich zum Ziel gesetzt, "alle Menschen unseres Planeten durch Zwang zu impfen", heißt es auf dem Flugblatt weiter. Ein "Rebell" hat einen Mundschutz um seinen Unterarm gebunden und beschriftet. "Corona-Hysterie" und "DDR 2.0" steht da. Verteilt wird die Zeitung "Demokratischer Widerstand", Leib-und-Magen-Blatt der Bewegung gegen die "Corona-Diktatur". Die Herausgeber um den früheren taz-Journalisten Anselm Lenz bezeichnen sich als "liberal" und rufen zum Aufstand gegen die "Terrormaßnahmen" der "verfassungsbrüchigen Regierung" auf.

Die Verteilung der Pamphlete und das Verhalten der Versammelten veranlasst die Polizei nach einer gewissen Zeit zu einer Lautsprecherdurchsage: Entweder gehen die Leute gemäß der 5. Corona-Verordnung der Landesregierung auf Abstand zueinander oder sie werden des Platzes verwiesen. Daraufhin bricht die Gruppe zum Spaziergang durch Theaterpark, Plockstraße und Seltersweg auf. Begleitet von der Polizei geht es kreuz und quer durch die Fußgängerzone.

"Hygiene-Demo" in Gießen: Auch ehemalige "Gelbwesten" unter Teilnehmern

Am Rande des Marschs hat sich die Polizei einen Mann mit einer sogenannten Guy-Fawkes-Maske gegriffen, der die linke Gegendemo filmt. Hinter der weißen Maske steckt Sven A.. Ein fanatischer Aktivist, der im Reichsbürger-Jargon gegen das politische System der Bundesrepublik hetzt und im vergangenen Jahr die letzte Gelbwesten-Demo durch Gießen führte. Einige seiner Mitstreiter von damals sind auch am Samstag wieder da. Auch altlinke Töne hört man. "Wir brauchen die APO von 1968 wieder, das war Basisdemokratie", herrscht ein älterer Herr einen Mitarbeiter der Versammlungsbehörde an.

Die wird einfach nicht fündig bei ihrer Suche nach einem Verantwortlichen der Corona-Rebellen. "Vassili", Administrator der Telegram-Gruppe "CR Region Gießen", hinter dem zeitweise alle herlaufen, zuckt nur mit den Schultern.

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