Vom Hundefutter bis zur Tüte mit Goldzähnen

Gießen (khn). Auktionen sind nichts für gemütliche Menschen. Schnelligkeit und gutes Timing sind wichtig. "Artikelnummer EC 290", ruft Heinz-Dieter Wendt ins Publikum, "das ist eine Kiste mit Computerzubehör und Spielen." Das Anfangsgebot beträgt 10 Euro. Schlag auf Schlag heben die Interessenten im vollbesetzten Saal der Kongresshalle grüne Plastikschilder mit ihrer Bieternummer in die Höhe und geben so ihre Gebote ab.

Gießen (khn). Auktionen sind nichts für gemütliche Menschen. Schnelligkeit und gutes Timing sind wichtig. "Artikelnummer EC 290", ruft Heinz-Dieter Wendt ins Publikum, "das ist eine Kiste mit Computerzubehör und Spielen." Das Anfangsgebot beträgt 10 Euro. Schlag auf Schlag heben die Interessenten im vollbesetzten Saal der Kongresshalle grüne Plastikschilder mit ihrer Bieternummer in die Höhe und geben so ihre Gebote ab. "35 Euro zum ersten, zum zweiten, niemand mehr,… 40 Euro. Ich sehe 40 Euro, zum ersten, zum zweiten…", sagt der Auktionator im Stakkato-Ton. Zum Luftholen bleibt kaum Zeit. Am Ende verkauft er die Kiste für 70 Euro. Das Geld geht aber nur zum Teil an ihn. Denn er versteigert im Auftrag der Post. Unter den Hammer kommen Gegenstände aus Briefen, die den Empfänger nicht erreicht haben.

Vom Verkaufspreis gehen 18 Prozent an den Auktionator, 19 Prozent macht die Mehrwertsteuer aus, den Rest erhält die Post. Rund 200 Rollwagen mit 500 gelben Kisten stehen in der Kongresshalle. Ein Jahr lang werden nicht zustellbare Sendungen bei der Post gelagert, erzählt Maren Wendt, die Tochter des Auktionators. Gründe für eine Unzustellbarkeit kann es viele geben: Mal sind Name und Anschrift unleserlich geschrieben, mal wird der Brief beim Transport so sehr beschädigt, dass Sender und Empfänger nicht mehr zu entziffern sind.

"Nach einigen Monaten beginnen Mitarbeiter der Post, die Ware nach Kategorien wie Computer, Spielzeug, Schmuck oder Werkzeug zu ordnen", sagt Maren Wendt, während sie einigen Auktionsbesuchern in Tüten verpackte Ware zur Ansicht reicht.

Am häufigsten versteigert die Familie, die mit der Post regelmäßig kooperiert, Kleidungsstücke. Ebenfalls beliebt sind Elektroartikel wie Handys und Computerzubehör. Es finden sich aber auch ungewöhnliche Dinge. So werden dieses Mal sieben Kisten mit Hundefutter angeboten. "Das hatte ich bisher auch noch nicht erlebt", sagt sie und lacht. Etwas makaber hingegen ist, dass in einer Kiste mit Schmuck eine Tüte mit Zähnen liegt. Das materiell wertvolle an ihnen sind deren Goldfüllungen. "Solche Zähne haben wir jedes Mal dabei", sagt Maren Wendt, während sie die Tüte zaghaft mit zwei Fingern anfasst und schnell an einen interessierten Bieter weitergibt.

Neben privaten Besuchern kommen vor allem Händler zur Auktion, die sich ein Schnäppchen erhoffen. Einer von ihnen interessiert sich für die Tüte mit Zähnen und ist ein Goldhändler aus Bonn. Seinen Namen möchte er nicht nennen. "Das Gold ist hier um Längen günstiger als woanders", begründet der Bonner seine Anwesenheit. Er interessiere sich vor allem für den Goldschmuck. "Die meisten Stücke werden aufgearbeitet und ausgebessert, das Gold aus den Zähnen wird eingeschmolzen", sagt er. Wie viel er insgesamt investieren will und wie hoch seine Gewinnspanne am Ende ist, möchte er nicht verraten. "Sie wollen es ja ganz genau wissen", kommentiert der Händler die Fragen der Allgemeinen Zeitung. "Das kommt ganz auf die Konkurrenten an, die mitbieten", sagt er und dreht sich um.

Stefan Kettemann aus Weilrod im Taunus ist ebenfalls professioneller Händler. Er arbeitet in einem Antiquariat. Kettemann interessiert sich vor allem für CDs und Bücher. Erfahren hat er von der Auktion von einem seiner Kunden. "Nun bin ich neugierig und aufgeregt, was mich erwartet", sagt er, während er auf einem Merkzettel Auktionsnummern notiert. Was er machen wolle, wenn in der ersteigerten Kiste drei Viertel der Bücher für ihn unbrauchbar sind? "Das ist mein Risiko, damit muss ich leben", so Kettemann.

Josef Breiter hingegen ist privat und aus Neugierde in der Kongresshalle. "Vor ein paar Tagen habe ich beim Vorbeifahren die Ankündigung gesehen", sagt er. Deshalb sei er nun hier, doch er ist enttäuscht von der Veranstaltung. "Ich habe mir erhofft, dass ich hier verschlossene Pakete ersteigern kann", so Breiter. Spannend sei für ihn die Frage: "Was ist in dem Päckchen drin, das ich mir gerade gekauft habe?" Die Auktion will er sich deswegen nicht angucken. Noch bevor der erste Hammer fällt, verlässt er die Kongresshalle. Mit der gleichen Vorstellung ist auch Mehriar Aliakbari mit ihren beiden Kindern Kijan und Sophia zur Auktion gekommen. "Ich dachte, ich finde hier verschlossene Koffer, die man ersteigern kann", sagt sie, während die drei Monate alte Kijan auf ihrem Arm turnt. Das wäre wie bei einer Lotterie gewesen. "Finde ich dreckige Wäsche aus dem Spanienurlaub oder spannende Mitbringsel, die etwas über den Kofferhalter verraten?" Dass sie jetzt Kisten mit Büchern, Haushaltswaren oder Schmuck ersteigern kann, findet sie nicht sonderlich spannend. "Nun ist der Reiz für mich ein wenig verloren gegangen."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare