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Silvia Rödler nennt ihren Pinocchio "Ernst" und nimmt damit das Ausstellungsmotto spielerisch in den Blick. Foto: dkl

Humorstrategien in der Kunst

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Gießen(dkl). Es gibt sie noch, die verlässlichen Dinge im Kulturjahr. Dazu gehört auch die Mitgliederausstellung des Oberhessischen Künstlerbunds im KiZ. In der städtischen Galerie in den ehemaligen Stadtbibliotheksräumen an der Kongresshalle werden auch dieses Jahr wieder vielfältige Werke präsentiert.

Wie üblich, gibt es auch diesmal wieder ein Ausstellungsthema und eine Kuratierung. Ungewöhnlich ist, dass Kuratorin Marion Fischer aus den eigenen Reihen kommt. Sie hatte das Thema "Im Ernst?" vorgeschlagen, weil sie sich seit Jahren damit beschäftigt. Und sie hat sich bereit erklärt, die Ausstellung zu kuratieren, also die Werke auszuwählen, die Hängung zu leiten, die Rede zur Eröffnung zu halten. Die notwendige Erfahrung hat sie als Jury-Mitglied bei Gruppenausstellungen gewonnen.

"Es gibt viele Varianten von Humorstrategien in der Kunst", erklärt sie, "das reicht von purem Nonsens bis zur Agitation, von verhaltener Ironie bis zum lauten Witz. Manchen reicht die poetische Umschreibung." Und von allem gibt es Beispiele im KiZ zu entdecken.

26 Mitglieder haben Arbeiten eingereicht, nicht alles konnte gehängt werden, schon allein aus Platzgründen. Auf der oberen Ebene des Ausstellungsraums dominiert eine Tür- skulptur. Dieter Hoffmeister hat eine alte Tür fachgerecht zersägt und neu zusammengesetzt, sodass sie mehrfach geknickt ist; von Weitem wirkt die Haltung wie die eines leicht gebeugten und im Oberkörper gedrehten Menschen. Einige Schritte dahinter sticht eine Art Pinocchio-Figur aus Holz ins Auge, auf deren langer Nase ein Piepmatz balanciert. Silvia Rödler nennt sie "Ernst" und nimmt damit das Ausstellungsmotto spielerisch in den Blick.

Wie mit kunstgeschichtlichen Vorbildern umgegangen wird, demonstriert Katja Ebert-Krüdener auf ihre Art: der berühmte Kinderengel von Raphael auf Stoff ist fast schon allgegenwärtig, aber das Porträt einer Renaissance-Dame auf ein großes Badetuch gedruckt, das imponiert gewaltig. Noch dazu, wenn man erfährt, dass das Original von einer Malerin stammt, von Marietta Robusta. Anne Held geht subtiler vor, sie nimmt sich die erotische Aufladung in barocken Stillleben vor und fotografiert eine Fruchtschale auf entsprechende Art.

Badetuch und Totenschädel

Angelika Nette hat, von Dada inspiriert, eine Fülle von Objekt-Assemblagen geschaffen. Ihre Hommage an Degas’ Balletttänzerinnen ist eine mit rosa Tüllröckchen versehene Metallschiene. Maggie Thiemes humorgetränkte Sicht ist diesmal auf die Werbung für Lippenstift-Rottöne fokussiert. Sie bringt die Lippen auf Damen-Slipeinlagen auf. Witz lebt eben auch von Doppeldeutigkeiten. Susanne Jacobs hat mehrere Ideen umgesetzt, etwa geometrische Kunst mit farbigen Küchenschwämmen und die Darstellung eines Bocks mithilfe eines Flokati-Restes. Ria Gerth trägt ein "Waffel-Board" bei. Auch Frank Woytinowski hatte offenbar Spaß bei seinen Kreationen, er kombiniert Haushaltsgegenstände außerhalb ihrer Funktion. "Im Ernst?", mag man fragen bei der Fotogalerie von Volker Kusterer, der Totenschädel der Geschenkbranche zu fotografiert. Verhalten poetisch ist Gisela Denninghoff, die ein Gesicht aus gestischen Farbspuren hervorscheinen lässt. Markus Thorn hat noch eine Wiederbelebungs-Übungspuppe aus seiner Sammlung hervorgeholt, die diesmal wie ein Außerirdischer flach auf dem Boden liegt.

Politisch direkt wird eigentlich nur Hans-Jürgen Hädicke, der die Diskussionen am Wetzlarer Domplatz ironisch aufgreift und sie zwischen einer Neuschwanstein-Version und modernem Funktionsbau changieren lässt. Viele weitere Humorvarianten lassen sich entdecken: ein Bild ohne Rahmen (Karin Schweikhard) neben einem Rahmen ohne Bild (Marina Cerea), Renate Bechthold-Pfeiffer mit Zeichnungen von überdimensionalen Fliegen und einem Gartenzwerg. Bei den Bildern von Werner Braun schwankt man, ob die Positionierung von Spielzeughäusern zwischen den Beinen von Mann/Frau nun sexuell konnotiert sind oder nicht. Surreal wirken die Collage-Figuren von Susanne Ledendecker. Doch was der realistisch gezeichnete Mann von Asal Khosravi da mit Händen greifen will, bleibt ebenfalls Spekulation. Mit Ulla Litzingers Massagebällen aus Porzellan sollte man es besser nicht versuchen. Christel Dütge zaubert aus Resten der Buchbindung fliegende Figürchen, Dagmar Bolterauer fotografische Motive wirken verfremdet und Paulina Heiligenthal bringt Kurioses von einer Reise mit.

Die Jahresgabe für Fördermitglieder ist besonders attraktiv: ein Unikat von Keramiker Berthold-Josef Zavaczki, der auch eine erstaunlich große Keramikskulptur für die Ausstellung beigesteuert hat. Bei einem Besuch kann man staunen und ins Grübeln kommen, sich amüsieren und inspirieren lassen. "Im Ernst!" endet am 26. Januar. Im Ernst jetzt.

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