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Hradec Králové im Klammergriff

  • Annette Spiller
    vonAnnette Spiller
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Im Mai jährte sich die Städtepartnerschaft mit Hradec Králové zum 30. Mal. Doch dieses Jahr lässt keinen Raum zum Feiern - nicht in Gießen und nicht im rund 668 Kilometer entfernten Königgrätz. Die Corona-Pandemie zwang die tschechische Stadt im Vorland des Riesengebirges wie das ganze Land schon Anfang Oktober in einen zweiten harten Lockdown. Und nun, Ende Dezember, nach kurzer Lockerungsphase in einen dritten.

Die tschechische Republik beklagt bei rund 10,7 Millionen Bürgern über 10 950 Todesopfer seit Beginn der Krise und verzeichnete im Herbst weltweit eine der höchsten Pro-Kopf-Infektionszahlen in Europa. Der Vergleich zu Deutschland mit rund 83 Millionen Einwohnern und laut Robert-Koch-Institut (27. Dezember 0 Uhr) rund 29 780 Todesfällen spricht Bände. Anfang Oktober rief Tschechien den Notstand aus - mit nachfolgenden Ausgangssperren, Geschäfts- und Schulschließungen. Erste Lockerungen gab es nach sechs Wochen - mit gemischten Gefühlen. Seit dem 3. Dezember befand sich das Land in Level 3 von 5 Reaktionsszenarien auf die Entwicklung der Zahlen - so auch die Region, der Bezirk und die Universitätsstadt Hradec Králové mit ihren rund 93 000 Einwohnern. Was das für die ostböhmische Stadt, Verkehrsknotenpunkt und Verwaltungszentrum, bedeutete? Ein guter Grund, Lukáš Martinek zu fragen. Er ist Referent des Bürgermeisters Prof. Alexandr Hrabálek und Ansprechpartner für Partnerschaften. Gemeinsam mit der Sprecherin der Stadt, Katerina Šmídová, erläutert er auf Anfrage den Stand der Dinge.

Laut Datenlage vom 27. Dezember gab es im Bezirk Hradec Králové mit seinen etwa 163 000 Einwohnern seit Beginn der Pandemie 11 222 registrierte Corona-Fälle. Gemäß Hygienestation haben 9480 Menschen im Bezirk die Infektion überstanden, 1602 wurden gestern als aktive Fälle gezählt. 136 Todesopfer waren. zu beklagen. Zahlen für die städtische Ebene liegen nicht vor. Zum Vergleich: Im Landkreis Gießen mit seinen rund 260 000 Einwohnern gab es rund 5820 Fälle seit Beginn der Pandemie und um die 90 Todesopfer (Stichtag 26. Dezember).

"Seit 22. Oktober waren zunächst Geschäfte mit Ausnahme von Lebensmittelläden, Apotheken und Drogerien geschlossen", schreibt Šmídová. Unabhängig von staatlichen Hilfen für Firmen gewährte die Stadt finanzielle Unterstützung, reduzierte die Mieten in stadteigenen Geschäftshäusern und erließ Gebühren. Bei Schulen und Hochschulen führte in Hradec Králové der Weg anders als in Gießen am 26. Oktober erneut in den Total-Lockdown. Auch 17 Grundschulen mussten schließen - in dreien wurden Kinder betreut, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Nach drei Wochen wurden Schulen schrittweise geöffnet. Kitas blieben offen. Wenn jemand positiv getestet wird, hält die regionale Hygienestation den Kontakt zu dem Patienten und macht die Vorgaben. "In Hradec kann man sich am Universitätsklinikum testen lassen", erklärt Martinek.

Wieder in Level 5

Der überall im Land geltende Anordnungskatalog des Gesundheitsministeriums hat fünf Level, zu deren Bestimmung unter anderem 14-Tages-Inzidenzen pro 100 000 Einwohner, eine Berechnung der Virus-Reproduktionszahl, die Menge der positiven Tests und die Fallzahlen bei Senioren herangezogen werden. Das dritte Level bedeutete Maskenpflicht drinnen und in festgelegten Außenbereichen sowie Kontaktbeschränkungen auf 50 Personen in der Öffentlichkeit und zehn privat. Bei Gottesdiensten griff die 30-Prozent-Regelung. Besuche in Altenheimen und anderen Sozialeinrichtungen waren streng reglementiert. Hotellerie, Gastronomie, Sehenswürdigkeiten und Bibliothekenöffneten wieder eingeschränkt. Freizeitsport war unter Auflagen möglich. Wie in Gießen gab es in der Partnerstadt aber weder Weihnachtsmärkte noch kulturelle Veranstaltungen mit Zuschauern. Martinek bedauert: "Alle Silvesterfeiern sind gecancelt". Wie die Menschen damit zurechtkommen? Wie auch in Gießen: "Die meisten reagieren mit Verständnis", sagt Sprecherin Šmídová.

Doch ein dramatischer Anstieg der Corona-Fallzahlen ändert nun wie in Gießen auch zum Jahresende noch einmal alles. Es hat nicht funktioniert: Seit dem 18. Dezember ist Tschechien wieder in Level 4 eingestuft: Ausgangssperre von 23 bis 5 Uhr. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, sechs Personen durften sich noch treffen, Sehenswürdigkeiten sind zu, Hotels eingeschränkt. Die Gastronomie darf nur abholen lassen. In Heimen und Kliniken sind Besuche meist nicht möglich. Und seit gestern gilt im ganzen Land Level 5 - die Höchststufe. Das bedeutet Ausgangssperre ab 21 Uhr, nur zwei Personen dürfen privat oder öffentlich zusammenkommen. Wenn die Schule wieder beginnt, dann fast nur mit Distanzunterricht. Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Auch wenn sich Dieter Geißler, Vorsitzender des deutsch-tschechischen Freundeskreises in Gießen, eine Belebung der Städtepartnerschaft wünscht - Begegnungsmöglichkeiten liegen in weiter Ferne.

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