Ulrich Würtele geht gegen die Bundesländer vor. FOTO: EP
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Ulrich Würtele geht gegen die Bundesländer vor. FOTO: EP

Hotel "Alt-Gießen" beteiligt sich an Sammelklage

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Um den Verdächtigen nicht entkommen zu lassen, beschlagnahmt der Polizist ein vorbeifahrendes Auto und nimmt die Verfolgung auf: Auch wenn solche Szenen vorwiegend in Krimis vorkommen, gibt es diesbezüglich in der realen Welt klare Regeln. Laut Polizeirecht, das in allen deutschen Bundesländern gilt, sind unbeteiligte Dritte, in diesem Beispiel also die Fahrzeughalter, in solchen Fällen zu entschädigen. Der Berliner Anwalt Wolfgang Schirp will dieses Prinzip nun auf coronagebeutelte Hotelbetreiber übertragen. Der Jurist hat daher eine Sammelklage gegen die Bundesländer auf den Weg gebracht, der sich 500 Hoteliers angeschlossen haben. Darunter auch Ulrich Würtele vom Hotel "Alt-Gießen".

Die Hotelbranche gehört zu den großen Verlierern der Pandemie. "Durch den Lockdown ist alles zusammengebrochen. Alle Reservierungen wurden storniert", sagt Würtele. Der geringe Umsatz durch einige Geschäftsreisende hätte die laufenden Kosten von 60 000 Euro pro Monat nicht mal ansatzweise decken können. "Wir haben daher viel eigenes Geld reinstecken müssen und von unseren Reserven gelebt", sagt Würtele. Lange sei das aber nicht mehr möglich, betont der Hoteldirektor. "Es fängt an, unsere Existenz zu bedrohen."

Rechtsanwalt Schirp kennt viele dieser Schicksale. "Einer ganzen Reihe unserer Mandanten brennt der Kittel lichterloh", sagte er am Mittwoch dem Hessischen Rundfunk. Er habe bereits mehrere Bundesländer, darunter auch Hessen, angeschrieben und auf die Entschädigungsforderungen aufmerksam gemacht. "Wenn wir keine oder eine ablehnende Reaktion bekommen, werden wir schnell vor Gericht ziehen oder andere Rechtsmittel einlegen", betonte Schirp gegenüber HR-Info.

Würtele vermag die Erfolgsaussichten der Sammelklage nicht einzuschätzen. Das sei aber auch nicht der primäre Grund, warum er sich wie rund 50 weitere hessische Hoteliers an Schirps Projekt beteilige. In erster Linie wolle er Aufmerksamkeit auf seine Branche lenken und die Politik dazu bringen, weitere Hilfspakete zu schnüren. "Der Mittelstand ist das Herz der Wirtschaft. Wir müssen daher gestärkt werden." Die erste Soforthilfe, die auch sein Betrieb erhalten habe, sei zwar zügig geflossen, aber nicht ausreichend gewesen. "30 000 Euro klingen zwar viel. Aber bei laufenden Kosten von 60 000 Euro pro Monat und kaum Umsatz ist das nicht viel mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein."

Würtele macht sich Sorgen um sein Hotel. Denn auch nach den Lockerungen bleiben weiterhin die Gäste aus. "Am Feiertag hatten wir eine Auslastung von 20 Prozent. Normalerweise sind es 50 bis 60 Prozent." Würtele rechnet auch nicht damit, dass die Übernachtungszahlen in diesem Jahr noch einmal deutlich steigen werden. Ungewisse Zeiten für das "Alt-Gießen". Happy End fragwürdig.

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