Horst Niepel fuhr freigekaufte DDR-Häftlinge nach Gießen

Gießen (ta). Um die regelmäßigen Transporte von politischen DDR-Häftlingen, die die Bundesrepublik freigekauft hatte, ins Notaufnahmelager Gießen geht es in einer Fotoausstellung, die derzeit im Rathaus zu sehen ist Einer der beiden Busfahrer von damals hat sie sich angeschaut und seinen alten Kumpel Karl-Heinz Brunk getroffen.

Eigentlich war Horst Niepel mit seiner gut gehenden Fahrschule in Nidderau ausgelastet. Aber einem Freund zuliebe übernahm er in den siebziger Jahren einen Nebenjob, der ihn sozusagen zu einer historischen Person gemacht hat. Wann immer politische Häftlinge aus der DDR von der Bundesrepublik freigekauft und in den Westen transportiert wurden, saßen ein Hanauer Busunternehmer und der Nidderauer Fahrlehrer am Steuer der Reisebusse.

Anfangs erfolgte die Übergabe in der Dunkelheit und im Niemandsland zwischen den beiden deutschen Staaten. Später durften die ausgebürgerten DDR-Bewohner in Chemnitz zusteigen, stets unter Aufsicht von DDR-Anwalt Wolfgang Vogel. Um das zu verschleiern, bekamen die Hanauer Reisebusse ein Wechselkennzeichen mit DDR-Nummer. Das Ziel war stets das Notaufnahmelager in Gießen. Dessen Leiter Heinz Dörr war bei den alle zwei Wochen mittwochs anberaumten Transporten immer dabei, um den westdeutschen Neubürgern unterwegs erste wichtige Verhaltenstipps zu geben.

An diese 13 Jahre währende Epoche in seinem Leben erinnert wurde Horst Niepel soeben bei seinem Besuch in Gießen: Der Rentner schaute sich die Fotoausstellung an, die sich mit dem innerdeutschen Menschenhandel beschäftigt und bis Weihnachten im Stadtarchiv zu sehen ist. Die großformatigen Aufnahmen stammen von dem Gießener Fotografen Karl-Heinz Brunk, der damals von den streng geheimen Bustransporten erfahren und sich heimlich an der innerdeutschen Grenze auf die Lauer gelegt hatte. Die erste von Brunks fotografischen Begleittouren nach Gießen hielt noch eine besondere Überraschung parat: Als der Busfahrer am Meisenbornweg ausstieg, stellte sich heraus, dass er und Brunk sich bereits viele Jahre zuvor in der DDR beruflich begegnet waren und dort ein Zimmer geteilt hatten.

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