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SKART-Performance

Horrortrip im "House of German Angst"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Was ist Angst? Und welches konstruktive Potenzial hat sie? Darum geht es in "House of German Angst". Die Performance der Gruppe SKART ist an vier Abenden auf der taT-Studiobühne zu sehen.

Angst hat viele Gesichter. Sie kann lähmen und antreiben, kann durch Erlebnisse ausgelöst werden, aber in ihrem Ursprung auch diffus bleiben. Und dann gibt es noch die sprichwörtliche Angst der Deutschen: vor dem Fremden oder der Zukunft im Allgemeinen. Die Performancegruppe SKART spürt dem an vier Abenden in der taT-Studiobühne nach - in der für ihre Arbeit typischen Ästhetik und mit einer am Ende doch eher banalen Erkenntnis, wie man sich aus dem "House of German Angst" befreien kann.

Die Figuren bleiben in ihren farblich an Fleischwurst aus dem Discounter erinnernden Latexanzügen gesichtslos. Augen- und Mundloch, mehr braucht es nicht, um die Schauspieler Paula Schrötter und Pascal Thomas die folgenden 60 Minuten überleben zu lassen - im von Sandra Li Maennel Saavedra gestalteten Bühnenbild mit zwei großen Glaskästen links und einem schwarz-weißen Vorhang hinten. Denn so wie die Performer Janna Pinsker, die fast durchgängig als überdimensionaler Angsthase mit Panzerband an der Rückwand festgeklebt ist, Mark Schröppel, der auf der Suche nach Grenzerfahrungen in einem vakuumierten Würfel nur durch ein Röhrchen Luft bekommt, oder Ossian Hain, der sich als eine Mischung aus gruseligem Strohbär und Riesenbazillus aus einem schwarzen Bällchenbad gleiten lässt, durchleben sie unterschiedliche Formen der Angst: Platzangst, Angst vorm Ersticken, vor Krankheiten, vor dem Alleinsein oder großen Menschenmassen.

Diese Angst kann auch schon mal in hilflose Wut umschlagen, wenn etwa Paula Schrötter auf einen Holzbalken eindrischt. Zuvor hat sie minutenlang in betont ruhigem Singsang erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man erwacht und spürt, dass etwas Bedrohliches im Haus ist und immer näher kommt. Da bekommt es auch der Zuschauer ein wenig mit der Angst zu tun, ob es in der Folge mit diesem monotonen, fast gefühllos wirkenden Rezitieren weiter geht. Doch dem ist natürlich nicht so, denn SKART sind bekannt für starke Bilder und überraschende Wendungen und begleiten die Zuschauer durchaus faszinierend auf dem assoziationsreichen Horrortrip, der allerdings greifbare Ängste aus dem Jahr 2020 zu Pandemie, Wirtschaft oder Politik eher außen vor lässt.

Beschwerliche Katharsis

Doch neben den ganz persönlichen Angstszenarien, die zu hämmernden Beats und mit Windmaschine zelebriert werden, geht es natürlich auch um das Stereotyp der in Pandemie-Zeiten gar nicht mehr so typisch deutschen "German Angst", die sich in Hamsterkäufen ausdrücken kann, aber auch in Unbehagen im Umgang mit Flüchtlingen. Stimmen aus dem Off sprechen Sätze, in denen von für sie irritierenden Begegnungen mit Fremden die Rede ist.

Doch wo Angst ist, braucht es auch eine Lösung. SKART finden hier nach dem durchaus eindrücklichen Abend eine fast schon enttäuschend banal wirkende Lösung. Janna Pinsker schält sich am Ende, in nicht nur für sie quälend langen Minuten, aus ihrem Panzerband-Kokon, der sie wie in einer Kreuzigungsszene fixiert hatte. Zentimeter für Zentimeter löst sie das Band und entkommt ihren Fesseln. Wir müssen uns unserer Angst stellen und uns aus eigener Kraft von ihr lösen, lässt sich daraus interpretieren. Eine durchaus beschwerliche Katharsis, aber eben auch eine irgendwie allzu naheliegende Schlussfolgerung. Wenn es doch nur so einfach wäre!

Doppelpass

Die Performancegruppe SKART (Schröppel Karau Art Repetition Technologies) wurde am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft gegründet. Sie besteht im Kern aus Philipp Karau und Mark Schröppel. Ihr Projekt "House of German Angst", das gemeinsam mit dem Stadttheater Gießen und dem Theater Münster realisiert wird, hat Fördergelder aus dem Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes erhalten.

FOTO: REGEL

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