Messerattacke

Horror-Nacht in Gießen-Wieseck vor Gericht

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Schreck für ein Ehepaar aus Gießen: Mitten in der Nacht steht ein Mann mit aufgerissenen Augen und einem Messer in der Hand in ihrer Wohnung. Es folgt ein großer Polizeieinsatz. Und nun der Prozess.

Ein lauter Knall reißt das Ehepaar aus dem Schlaf. Ist eine Tür zugeschlagen? Ein Bild heruntergefallen? Die beiden sehen nach. Im Wohnzimmer entdecken sie zunächst das pinkfarbene Deko-Schaf, das eigentlich auf dem Balkon stehen sollte. Auch Scherben fallen ihnen auf. Und dann sehen sie den Mann. Direkt vor ihnen. Mit einem großen Küchenmesser in der Hand. "Er hatte die Augen weit aufgerissen und einen wirren Blick", sagte die 60-Jährige am Montag, als sie die Erlebnisse jener Nacht vor dem Gießener Landgericht schilderte. Der Mann, der für den wohl größten Schreck im Leben der Wiesecker Eheleute verantwortlich sein soll, saß keine zwei Meter daneben.

Mit Deko-Schaf Fenster eingeschlagen

Derzeit muss sich der junge Mann aus Eritrea vor dem Gießener Landgericht verantworten. Nicht nur wegen Einbruchs, sondern auch wegen versuchten Totschlags. Laut Anklageschrift soll er am 27. September 2018 gegen 3 Uhr nachts auf den Balkon des Paares geklettert sein und mit dem Deko-Schaf das Fenster eingeschlagen haben. Mit einem Messer bewaffnet sei er dann in die Wohnräume eingedrungen, in der Küche habe er sich ein weiteres Messer geschnappt. Nach dem Zusammentreffen mit den Bewohnern sei er ins Bad geflüchtet und habe sich dort eingeschlossen. Die vom Ehepaar alarmierten Polizisten hätten zunächst versucht, den Mann zum herauskommen zu überreden. Jedoch ohne Erfolg. Daraufhin hätten sie Pfefferspray durch das Schlüsselloch ins Bad gesprüht, woraufhin der Angeklagte die Tür einen Spaltbreit geöffnet habe – jedoch nur, um mit dem Messer nach den Beamten zu stechen.

Panzerung schützt Polizisten vor Messerhieben

Dass nichts Schlimmeres passiert sei – lediglich einer der Männer sei am Finger verletzt worden – hätten die Polizisten ihrer Notinterventionsausrüstung zu verdanken, zu der neben Hals-, Brust- und Rückenpanzerung auch Helm und Schild gehören. Laut Staatsanwalt trat einer der Beamten daraufhin die Badezimmertür ein, wodurch der Täter überwältig werden konnte. Später in der Gewahrsamszelle habe er dann ein derart wirres Verhalten gezeigt, dass ihn die Beamten in die Psychiatrie gebracht hätten. Allerdings nicht ohne Gegenwehr. Einem Polizisten habe er gegen das Jochbein getreten, einem anderen in den Finger gebissen.

Zwei der beteiligten Polizisten waren am Montag als Zeugen geladen. Sie berichteten, dass der Angeklagte schon während seiner Zeit im Bad starke Stimmungsschwankungen gezeigt habe. Mal sei er aggressiv, mal weinerlich gewesen, außerdem habe er mehrfach nach seiner Mutter verlangt.

Paranoide Schizophrenie?

Während der Schilderungen des Staatsanwalts, der beteiligten Polizisten und des Wiesecker Ehepaars blieb der junge Mann weitgehend regungslos. Sein Blick ging meist ins Leere, nur ab und an flüsterte er seinem Dolmetscher etwas ins Ohr. Demnach sei er in das Haus eingedrungen, um vor einem Nachbarn zu fliehen. "Er wollte mich töten", ließ er seinen Übersetzer mitteilen. Er habe auch nicht realisiert, dass die Männer vor der Badezimmertür Polizisten seien, sagte der Angeklagte. Vielmehr habe er geglaubt, dass auch sie ihn umbringen wollten. Seine späteren Ausraster in der Klinik begründete er mit ähnlichen Wahnvorstellungen. Demnach habe er angenommen, das Personal sei von seinem ominösen Nachbarn anheuert worden, um sein Leben zu beenden. Das behutsame Vortasten des Vorsitzenden Richters machte deutlich, dass er zumindest Zweifel an der Existenz des Mannes hatte. Er erinnerte auch daran, dass der Angeklagte in der Klinik gesagt habe, Stimmen in seinem Kopf hätten ihm befohlen: "Töte ihn!"

In der Anklageschrift fiel der Begriff Paranoide Schizophrenie. "Stark verängstigt" und "spricht von getötet werden" urteilte zudem ein Arzt nach der Festnahme. Das forensisch-toxikologische Gutachten wies obendrein nach, dass der Angeklagte vor der Tat Cannabis konsumiert hatte. Details zu seinem Gesundheitszustand soll es beim nächsten Verhandlungstermin geben.

Das Wiesecker Ehepaar, das zu Gericht von einem Vertreter einer Opferhilfsorganisation begleitet wurde, wird dann nicht mehr aussagen müssen. Beide betonten, nach der Tat unter Schlafstörungen gelitten zu haben. Sie hätten regelmäßig die Schlösser kontrolliert und nachts das Licht angelassen. "Nach einer Zeit ging es dann wieder", sagte die 60-Jährige. Was sie und ihr Mann in jener Nacht erlebt haben, werden sie wohl trotzdem nie vergessen.

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