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Sopranistin Sybille Plocher in ausdrucksstarkem Vortrag, begleitet von Tatjana Dravenau.

Mit hoher Intensität

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Kulturleben in Theresienstadt, im Angesicht des Holocaust: Sopranistin Sybille Plocher und Tatjana Dravenau am Piano gaben in der Uni-Aula in der zweiteiligen Reihe "Musica non grata" einen klug zusammengestellten Einblick ins jüdische Leben im Getto.

Diffamiert, zensiert und benutzt wurden künstlerisches Schaffen und seine Urheber, wenn da etwas nicht ins System der politischen Machthaber passte. Unerwünscht waren nicht nur fortschrittlich-kreative Strömungen unter dem Sowjetregime, wie eine erste Veranstaltung der Universität Anfang Juni präsent gemacht hat. Dem Kapitel "Kulturleben im Angesicht des Holocaust" widmete sich ein zweiter Termin in der Uni-Aula zum Thema "Musica non grata".

Der Abend mit Klavier und Gesang, Original-Filmausschnitten und Videos mit Zeitzeugen wurde zu einem informationsreichen Eintauchen in eine Ära der Ausgrenzung von Komponisten, Malern und Literaten, die auf Grund ihrer Herkunft und ihrer Kunst nicht ins Weltbild der nationalsozialistischen Machthaber passten.

Am Donnerstag bekam das Publikum einen klug zusammengestellten Einblick ins jüdische Leben im Getto Theresienstadt. Musik der 40er Jahre war der Leitfaden des zweistündigen Programms, mitgestaltet von Universitätsmusikdirektor Stefan Ottersbach und kundig eingeleitet von Dr. Markus Roth von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU. Werke von Ilse Weber, Pavel Haas, Gideon Klein und Viktor Ullmann - alle nach ihrer Internierung in Theresienstadt in Auschwitz 1944 bzw. 1945 ermordet - wurden erst lange nach dem Zusammenbruch des "1000-jährigen Reichs" wieder ausgegraben. Interessante Kontraste boten sich den Hörern: die eingängigen, in ihrer melodiösen Innigkeit ergreifenden Lieder der Ilse Weber ("Ich wandre durch Theresienstadt" in sehnsuchtsvollem Schubert-Stil), ihre süß-melancholischen Wiegenlieder von trügerisch heiler Welt, assoziationsreich auch in der Klavierstimme. Kontrastierend dazu die Dissonanzen und heftigen Intervallsprünge in den Liedern von Gideon Klein, der nur 25 Jahre alt wurde; in der Musik des tschechisch-jüdischen Komponisten sind Schönberg-Einflüsse unüberhörbar, während sein "Wiegenlied" slawisch getönt ist.

Ein nachhaltiger Abend

Viktor Ullmann bewegt sich musikalisch und formal anspruchsvoll zwischen Tonalität und Atonalität. In Stücken mit Texten von Ricarda Huch und Hölderlin, seinen "Chinesischen Liedern" und einem Kantatenausschnitt ("Immer inmitten") beeindruckte die breite Palette der Stimmungen. Chinesische Lieder hat auch Pavel Haas komponiert, deren interessante Harmonik faszinierte.

Sybille Plocher sang die höchst expressiven Werke mit dramatischer Intensität bis in extreme Höhen; die enormen Anforderungen an Stimme und Atmung meisterte sie jederzeit überzeugend. Aber auch die Schlichtheit in Webers Liedern, in denen gelegentlich Marschtakt zwiespältige Assoziationen hervorruft, interpretierte sie mit feinem Stilgefühl. Am Flügel jederzeit souverän begleitet wurde die Sopranistin von Tatjana Dravenau, die in den Solopassagen kraftvolle Dynamik zulegte.

Ein qualitätvoller, nachhaltiger Abend. Er spiegelte das reiche Musikleben in Theresienstadt und ließ den Glauben der Insassen an das Positive aufscheinen trotz Hunger und Problemen. Täuschung und Propaganda waren nicht ausgespart: Ein Filmausschnitt von 1944, "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" zeigt lächelnde Menschen bei verschiedenen Tätigkeiten - ein idyllisches Bild vom Lagerleben... (Foto: rw)

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