Wort zum Sonntag

Was hoffen wir?

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Ich bin ein "Wessi". Das habe ich herausgefunden, als ich meinen Studienort von München nach Jena verlegte. Eine andere Stadt, nette Leute, eine neue Universität wollte ich kennenlernen. Doch zunächst stand eine Irritation. Als Kind der Achtziger habe ich mich selbst nie als westdeutsch verstanden. Ich war Deutscher und die Einheit in meinen Augen vollendet. Das war sicher naiv und gleichzeitig ahne ich, dass es bis heute vielen Westdeutschen ähnlich gehen könnte. Der Diskurs in Ost und West hat eine starke Unwucht. Das habe ich in Jena als erstes gelernt.

Ich kam mit meinen "Westträumen". Mein Blick in die ostdeutschen Kirchen wurde damals deutlich zurechtgerückt. Wo waren all die Menschen, die in den friedlichen Demonstrationen die Wende mit herbeiführten? Was ich kennenlernte, war eine Kirche, die sich in einem repressiven System eigene Räume geschaffen hatte. Vielleicht ist diese Perspektive und Erfahrung einer in der DDR zur Minderheit gewordenen Kirche eine Blickrichtung, die uns westdeutschen Kirchen zukünftig wertvoll werden wird?

Ich schaue in die Zukunft. 30 Jahre deutsche Einheit, und doch scheint ein Land entzwei zu brechen. Mir bleibt der Weg nach vorne ins Gespräch, in dem Bewusstsein, dass die deutsch-deutsche Frage uns weiterhin beschäftigen wird. Getragen werde ich dabei in der Hoffnung auf die Verheißung Gottes: Gott, der die Menschheit mit sich selbst versöhnt. Der nicht Ost noch West kennt, sondern grenzenlos an jedem fürsorgend handelt. Der Menschen Mauern überwinden lässt, und dort, wo es dunkel wird, auch in den Erinnerungen und Bildern der Vergangenheit, sein Licht scheinen lässt. Versöhnend.

Johannes Lohscheidt,

ev. Wicherngemeinde

Gießen

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