Hochwasser

Hochwasserschutz: Im Gießener Ostpreußenviertel zieht Sturm auf

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Die Bewohner im Gießener Osten haben die Nase voll. Auf einer Veranstaltung der Mittelhessischen Wasserbetriebe zum Thema Hochwasser finden sie deutliche Worte.

Die Wassermassen haben sich verzogen, aber der Ärger ist geblieben. Zwei Wochen nach dem großen Unwetter haben sich die Anwohner des Ostpreußenviertels am Montagabend Luft verschafft. Eigentlich hatten die Mittelhessischen Wasserbetriebe (MWB) in die Ostschule eingeladen, um über die Untersuchung ihrer Hausanschlüsse zu informieren. Nach den einführenden Referaten entwickelte sich aber etwas anderes zum Hauptthema: das Hochwasser vom 29. Mai.

"Was die Stadt macht, ist eine Zerstörung von Vermögenswerten", schimpfte ein Bewohner der Graudenzer Straße mit Blick auf den Wert seines Grundstücks. Ein anderer versuchte es mit Sarkasmus: "Sagen Sie uns jetzt, was Sie zu tun gedenken, oder sollen wir gleich die Badehose anziehen?" Mit den Experten waren sich die Bürger zwar einig, zuletzt ein besonders heftiges Unwetter erlebt zu haben – "eines, das alle 100 Jahre vorkommt", wie Steffen Kraft von den MWB betonte. Ebenso herrschte aber Konsens, dass gerade das Ostpreußenviertel regelmäßig überflutet werde.

Grundsätzlich sei "eine Kanalisation nicht auf diese Extremereignisse ausgelegt", sagte Kraft. Dennoch suche man ständig nach Möglichkeiten, "Missstände zu beseitigen". Konkret nannte er etwa an Schmutzwasserkanäle angeschlossene Drainagen und Dächer sowie Verstopfungen. Die Zuhörer lenkten den Blick hingegen auf die Klingelbachaue: Als Überschwemmungsfläche bei Hochwasser vorgesehen, habe sie sich mittlerweile ganzjährig "in ein Sumpfgebiet" verwandelt.

Die MWB nähmen das jüngste Unwetter zum Anlass, "die ganze Situation in dem Einzugsgebiet zu durchleuchten", versprach Kraft. Zu prüfen sei, ob Laub und Äste das Wasser stauten oder die "Klingelbachverrohrung", also seine Weiterleitung unter der Bismarckstraße, oft verstopft sei. Ferner bezeichnete Kraft den 1000 Kubikmeter fassenden Staukanal am westlichen Rand des Sportinstituts als "prinzipiell wirksame Maßnahme". Und er kündigte Verbesserungen im Zuge der Bauarbeiten am Philosophikum an.

Was die Stadt macht, ist eine Zerstörung von Vermögenswerten

Anwohner

Eine Anwohnerin kritisierte, dass immer größere Flächen versiegelt würden. Sie forderte, die Wiese hinter der Vitos-Klinik müsse erhalten und zu einer "natürlichen Schwemmfläche" gemacht werden. Der "Versiegelungsgrad" sei – über die gesamte Stadt gesehen – in den vergangenen 25 Jahren eher rückläufig, antwortete Kraft und führte unter anderem das Bergkasernen-Gelände an. Versiegelung hin oder her: Ein wirksames Instrument seien Regenrückhaltebecken. Standorte dafür zu finden, stelle die MWB aber vor Schwierigkeiten.

Das ursprüngliche Thema das Abends rückte so in den Hintergrund. Seit Ende 2017 untersuchten die MWB die Kanalanschlüsse im Ostpreußenviertel, hatte Dieter Klaum vom MWB-Fachgebiet Grundstücksentwässerung eingangs berichtet. Neben Schäden suchten die Fachleute vor allem "Falschanschlüsse", das heißt Stellen, an denen Regenwasser in die Schmutzwasserkanäle geleitet werde oder umgekehrt.

Nachdem er das Prozedere erläutert hatte, warb Klaum um Verständnis für die Arbeiten. "Ein dichtes Kanalsystem ist im Interesse aller", sagte er und fügte hinzu: "Kanal und Zivilisation sind eng miteinander verbunden." Voneinander zu trennen seien dagegen routinemäßige Reparaturen an den Kanälen und mögliche Verbesserungen des Systems insgesamt. Dieses Argument überzeugte freilich nicht alle Zuhörer: Wenn sie die Anlieger zum Handeln auffordere, müsse die Stadt ihre Pflichten auch selbst erfüllen, so der Tenor.

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