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Der Inselweg gehört zu den von Hochwasser immer wieder betroffenen Gebieten in Gießen, hier 2018.

Flutkatastrophe

Hochwasser-Risiko: Drei „Brennpunkte“ ausgemacht – Wie gefährdet ist Gießen?

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Eine Flutkatastrophe mit bislang mehr als 100 Toten in deutschen Mittelgebirgstälern: Das hat es so noch nie gegeben. Wie gefährdet ist Gießen an der Lahn? Es gibt drei „Brennpunkte“.

Gießen – Das Unwetter dauerte nur gut eine halbe Stunde und es ging nur um den geringen Höhenunterschied zwischen der oberen Grünberger Straße und der Licher Straße. Aber noch bis in den nächsten Tag hinein kämpften Feuerwehren aus ganz Mittelhessen gegen die Wassermassen, die sich in der Senke auf Höhe der Vitos-Klinik gesammelt hatten. Am Abend des 30. Mai 2018 war das, als ein Sommergewitter Teile des Gießener Ostviertels unter Wasser setzte und vor allem in der Vitos-Klinik schwere Schäden anrichtete. Mit dem, was sich in den engen und steilen Flusstälern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in den letzten Tagen abgespielt hat, lässt sich das natürlich überhaupt nicht vergleichen - aber welche Wucht Starkregenereignisse entfalten können, wurde damals auch in Gießen deutlich.

Gießen: Damm zu niedrig für Extremhochwasser

Zuletzt waren es in Gießen oder Umgebung eher lokale Sommergewitter oder Tornados, die schwere Schäden anrichteten, weniger das typische Flusshochwasser im Winter. Gleichwohl läuft zur Zeit die länderübergreifende Fortschreibung des Hochwasserrisikomanagementplans für das Einzugsgebiet des Rheins mit einem Ergänzungsbericht für die Lahn. Auf den 210 Flusskilometern haben die Experten des Gießener Regierungspräsidiums bei der Erstellung von »Risikokulissen« 32 »Brennpunkte« ausgemacht, davon drei im Gießener Stadtgebiet.

Der Inselweg gilt auf 1,3 Kilometer Länge als Gebiet mit hohem Hochwasserrisikopotenzial. Schutzmaßnahmen für das Gesamtgebiet seien mit einem »unverhältnismäßig baulichen Aufwand« verbunden, daher rät der Schutzplan zu »individuellem Objektschutz«. Dazu zählen druckwasserdichte Fenster, Dammsysteme, Dammbalkenverschlüsse oder druckwasserdichte Verschlusssysteme für Wandöffnungen. Auch zu einer regelmäßigen Information der Anwohner wird geraten. Das gilt für alle Brennpunkte.

Gießen: Hochwasser-Brennpunkte im Innenstadtbereich und am Klärwerk

Ein weiterer Brennpunkt ist das Stadtgebiet beidseitig der Lahn im Innenstadtbereich. Der Plan unterscheidet zwischen dem sogenannten hundertjährigen Hochwasser und einem noch schlimmeren Extremhochwasser, das sowohl die Weststadt als auch die Stadtbereiche auf der anderen Lahnseite überfluten könnte. Gegen ein solches Extremhochwasser könnte auch der noch relativ neue Werner-Gleim-Damm nichts ausrichten. Als Gegenmaßnahmen werden unter anderem für die Schlachthofstraße eine Hochwasserschutzmauer und für die Bahnunterführung am Übergang der Sudetenlandstraße zum Wißmarer Weg ein mobiles Fluttor vorgeschlagen. Der Durchstich auf Höhe der GRG sieht eine solche Schutzvorrichtung bereits vor. Für die Bereiche Zu den Mühlen und die Bootshausstraße rät der Plan eher wieder zum »individuellen Objektschutz«, da der bauliche Aufwand für große Schutzbauwerke zu hoch sei.

Als weiterer Brennpunkt wird der Bereich des Klärwerks mit Bachweg und der Lahnstraße genannt. Hier wird unter anderem zum Einsatz von mobilen Hochwasserschutzsystemen geraten.

Der Entwurf des Schutzplans für die Lahn, der noch bis 22. Juli offenliegt, damit Behörden, Wasserverbände oder kommunale Unternehmen wie die Mittelhessischen Wasserbetriebe Stellung beziehen können, zeigt, dass der Hochwasserschutz ein langwieriger Prozess ist. So sei die Hochwasserrisikomanagementplanung aus dem ersten Zyklus 2009-2015 nahezu unverändert wieder vorgelegt worden, weil nur wenige der damals vorgeschlagenen Maßnahmen bislang durchgeführt worden seien. Die Sensibilität für das Thema Hochwasserschutz sei in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber »die Begehrlichkeiten der Kommunen, innerhalb des Überschwemmungsgebiets zu bauen, sind nach wie vor groß«, heißt es in dem Planentwurf.

Gießener Koalition setzt auf „Schwammstadt“

Ob und wie die MWB Stellung zu dem Plan genommen haben, konnte Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) am Freitag auf die Schnelle nicht sagen, sie sieht die Stadt aber für den Ernstfall aktuell gerüstet: »Wir verfügen über umfangreiche Maßnahmenpläne. Diese wurden aus den Erfahrungen der letzten Hochwasserereignisse angepasst und erweitert.«

Ein paar Zeilen hat die neue grün-rot-rote Koalition dem Hochwasserschutz in ihrer Bündnisvereinbarung für die Jahre bis 2026 gewidmet. Überschwemmungsgebiete sollen gesichert und Flutmulden geschaffen werden. Verfolgt wird das Konzept der »Schwammstadt«. Dieses Konzept bedeutet, Regenwasser aufzunehmen und zu speichern statt es nur abzuleiten. Neben der Entlastung des Kanalnetzes bei Starkregen nutze die Schwammstadt in heißen Sommern auch dem Stadtklima.

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