Unkonventionelle Kooperationen und Programme gehören zu den aktuellen Projekten des "Hochtöners" Valer Sabadus. FOTO: CH. SCHNEIDER/PM
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Unkonventionelle Kooperationen und Programme gehören zu den aktuellen Projekten des "Hochtöners" Valer Sabadus. FOTO: CH. SCHNEIDER/PM

"Hochtöner" der Spitzenklasse

  • vonDr. Olga Lappo-Danilewski
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Der Countertenor Valer Sabadus kommt mit der Klassikband SPARK in das Stadttheater Gießen. Unsere Kulturfachfrau Olga Lappo-Danilewski sprach vorab mit dem Sänger, der als einer der weltbesten Sänger seines Fachs gilt.

Seine Repertoire-Liste reicht vom Frühbarock bis in die Gegenwart, die Diskografie ist entsprechend umfangreich. Innerhalb von elf Jahren gab es sechs hochkarätige Auszeichnungen für einen Sänger der Sonderklasse; zuletzt den Händel-Preis 2020: Valer Sabadus, Countertenor, 34 Jahre alt. Längst ist er international etabliert in der Szene der hohen Männerstimmen. Seine Sprechstimme allerdings lässt die Höhenskala außen vor. Am Telefon von seinem Kölner Arbeitsplatz aus meldet er sich mit klangvollem hellem Bariton. Olga Lappo-Danilewski sprach mit dem Sänger.

Lebhaft und unkompliziert, voller Mitteilungsfreude entwickelte sich das Gespräch mit Valer Sabadus. Nachfahre Banater Schwaben, gelangte er nach dem Sturz Ceausescus als Fünfjähriger zusammen mit seiner Mutter - der Vater war früh gestorben - nach Bayern und wuchs in Landau/Isar auf. Ist das weich rollende "r" von dort oder ein Relikt aus der Kindheit? Das Rumänische pflegt er weiter mit seiner Frau, einer Bratschistin aus Chisinau/Moldawien.

Auf dem Weg zum Profi

Sabadus wurde quasi in die Musik hineingeboren als Sohn eines Cellisten und einer Pianistin; Instrumentalunterricht war selbstverständlich.

Und das Singen? "Im Schulchor war ich in der Unterstufe ein Kindersopran, in der neunten Klasse ging es Richtung Tenor, aber das war nicht wirklich ausgeprägt. Eine Art Initialzündung war eine Sendung mit dem Countertenor Andreas Scholl. Meine Mutter hörte mich die Stimme imitieren und sagte, ich sei ja ein Countertenor!"

Bei einer Veranstaltung in München bekam er als 17-Jähriger Kontakt zur Hochschule für Musik und Theater und wurde Jungstudent bei Gabriele Fuchs. "Sie hat mir unter anderem die aktive Atmung antrainiert." Die hohe Lage, sagt er, resultiere weniger aus einer physiologisch bedingten Veranlagung, sondern sei eine besondere Technik der Randschwingung der Stimmbänder, "eine Mischung aus Brust- und Kopfstimme. Es ist wie ein Muskel, der trainiert wird, nicht anders als beim Sport. Atemübungen, Vokalisen, Kontrolle von Dynamik und Färbung..." So weit einiges zur Frage, wie ein Countertenor seine Stimme geschmeidig hält. Valer Sabadus erinnert sich an seinen ersten größeren solistischen Auftritt in der Öffentlichkeit. "Das war 2007 in St. Pölten in einer eher kargen Halle. Man brauchte jemanden für die Titelpartie in Händels ›Rinaldo‹ - ich war damals Student im 2. Semester. Aus St. Pölten habe ich schöne Kontakte mitgenommen", und die Erinnerung an alpine Kletterpartien lassen positive Emotionen und Liebe zur Natur bei ihm anklingen.

2013 machte Sabadus den Abschluss seines Aufbaustudiums mit Auszeichnung an der Bayerischen Theaterakademie und wurde im selben Jahr bei den ICMA zum Young Artist of the Year - Vocal 2013 gekürt. Kooperationen mit führenden Ensembles für Alte Musik sorgten für Erfahrungen.

In Leonardo Vincis "Artaserse" gab Valer Sabadus die junge Semira und gefiel in der Mädchenrolle auch mit Schauspielkunst (DVD und CD, 2012). "Ich war noch Student in München, der Druck war groß - je jünger, desto grüner hinter den Ohren. Ich habe alle Kollegen dort nicht nur als Vorbilder, sondern als normale Menschen erlebt." Das waren Philippe Jaroussky, Max Cencic, Yuriy Mynenko, Franco Fagioli - Spitzenriege der Countertenöre. "Eine Renaissance der Hochtöner, sehr individuell, jeder bediente eine eigene Nische in seiner Rolle."

Die Gießener "Agrippina"

Unvergesslich witzig die sieben Jahre zurückliegende Inszenierung Balázs Kovaliks von Händels "Agrippina" unter Michael Hofstetter ("ihm habe ich viel zu verdanken") in Gießen. Wir erinnern uns an seinen Nerone als kurzbehosten, kniegeschützten langen Jungen. Amüsiert und nachdenklich kommentiert der Sänger die Produktion: "Kindergarten, Spinatschlacht, aber ein zeitloser Spiegel politischer Verhältnisse, die man auch aufs Heute anwenden könnte."

Wie sich seine Stimme seitdem entwickelt? "Ich glaube, sie ist dunkler, körperlicher geworden. 2009 konnte ich bis zum dreigestrichenen C und da capo singen, jetzt tendiert die Stimme in Richtung Mezzo, also bis zum zweigestrichenen B. Wie sich das genau entwickelt, das kann keiner so richtig prognostizieren. Intuition und Psyche spielen eine Rolle, man sollte da nichts forcieren. Einen Coach sollte man immer haben."

Mit SPARK näher am Paradies

Unkonventionelle Kooperationen und Programme gehören zu den aktuellen Projekten des "Hochtöners". Er kommt nun auf Einladung von Intendantin Cathérine Miville ans Stadttheater und wird mit der Klassikband SPARK "Closer to Paradise" präsentieren. Es ist die zweite Aufführung in Hessen nach Kassel im Vorjahr: "Wir schlagen einen weiten Bogen durch Stile und Epochen. Liebe zur Natur und ein universelles Gefühl der Sehnsucht nach einer besseren Welt sind Themen, und die Stücke reichen von italienischem Barock über französische Tafelmusik und die Romantik bis in die Gegenwart."

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