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Firma Quambusch

Hochprozentige Spuren in der Gießener Alicenstraße

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Einst kauften die Gießener Senf und Essig, der mitten in ihrer Stadt hergestellt war. Die Firma Quambusch residiert zwar längst nicht mehr in der Alicenstraße. Doch 200 Jahre nach ihrer Gründung sind noch Spuren zu finden.

Der Betrieb war überschaubar und residierte in einem Hinterhof. Vor 18 Jahren verschwand er aus der südlichen Innenstadt. Dennoch ist die Fabrik Quambusch ein bedeutender Teil der Stadtgeschichte - schon weil sie Namensgeberin des legendären "Essiggässchens" war. Dieses Jahr hätte das Unternehmen sein 200-jähriges Bestehen gefeiert. Der hochprozentige Teil der Tradition lebt bis heute fort.

1820 wurde die Fabrik für Schnaps, Likör, Essig und Senf in der Alicenstraße 22a gegründet. 1935 übernahm der aus Wuppertal stammende Hans Quambusch das Unternehmen. Nach dem Krieg baute er es aus zu "einer der modernsten" Produktionsstätten ihrer Art, wie die Gießener Freie Presse (so hieß damals die Gießener Allgemeine Zeitung) 1949 berichtete.

Spektakulärer Polizeieinsatz

Damals war es selbstverständlich, alle möglichen Produkte aus der Region zu beziehen, auch haltbare Lebensmittel. Quambuschs Absatzgebiet umfasste ganz Hessen. Zum Unternehmen gehörte ein für damalige Verhältnisse beachtlicher Fuhrpark sowie eine eigene Küferei, also Fassherstellung.

400 000 Liter Essig im Jahr goren in einem vollautomatischen Essigbildner mit Hilfe von Buchenholzspänen und Mikroben. Schnaps wurde unter strenger Aufsicht von Zollbeamten gebrannt. Nur sie durften für jede einzelne Herstellung die Siegel von Brennblase und Brennofen entfernen. Sofort hinterher brachten sie wieder Plomben an. Sorgfältig erfassten sie die jeweils hergestellte Menge und die fällige Steuer.

Mitte der 1970er-Jahre stellte der Familienbetrieb die Produktion von Essig und Senf ein. Der Markt konzentrierte sich längst auf wenige Großanbieter, kleine Traditionshersteller hatten es schwer. Ausnahme: Regionale Spirituosen kamen nicht aus der Mode. Quambusch brannte weiter seinen "hessischen Kümmel", der vom "typische Schlachtschnaps" zum beliebten Kneipengetränk geworden war.

Lange Debatte in der Stadtpolitik

In den Blickpunkt geriet das Anwesen in jenen Jahren wegen des schmalen öffentlichen Tunnels durch den Bahndamm, der Alicenstraße und Riegelpfad verband. Das "Essiggässchen" - so genannt wegen des Geruchs, der dort oft waberte - erlebte 1973 einen der spektakulärsten Polizeieinsätze in der Geschichte Gießens. Aus einem Güterzug kletterten eines Nachts plötzlich 200 Beamte und starteten eine Großrazzia gegen die Rauschgiftszene. Eine Folge: Die Verbindung nahe der Kultkneipe Scarabée, die zum Treffpunkt von Drogendealern und ihren Kunden geworden war, wurde zugemauert.

Über 30 Jahre lang flammte in der Stadtpolitik immer wieder der Streit über eine Öffnung auf, 1992 wurde sie für einen Tag Realität. Noch im Jahr 2005 regten die Grünen im Stadtparlament an, den Durchgang zu reaktivieren. Er könne Fußgängern und Radfahrern zur Umgehung der Bahnschranken in der Frankfurter Straße dienen.

Von Schwamm befallen

Ende 2002 wich das Fabrikgemäuer der modernen Bebauung am Bahndamm. Eigentlich sollte das denkmalgeschützte kleine Hauptgebäude, 1887 erbaut, in die Wohn- und Gewerbegebäude integriert werden. Dann stellte sich heraus, dass massiv von Schwamm befallen war. Es wurde abgerissen.

Geblieben ist der Schnaps. Die Brennerei Behlen übernahm im Jahr 2002 die Traditionsmarke Quambusch. Zunächst im Hofgut Fortbach im Ebsdorfergrund, seit 2007 in Wenkbach produziert sie unter dem Gießener Namen Spezialitäten wie "Vogelsberger Hanjer", "Hinterländer Kräuterhexe" oder "Tafelkümmel". Zu haben sind die Spirtuosen bei der Brennerei sowie bei vielen Supermärkten und Getränkehändlern in der Region.

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