Diezstraße 7

Hochhaus Diezstraße: Aufgebaut auf Ruinen

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Eine Augenweide ist das Hochhaus in der Diezstraße nicht. Viele Bewohner lieben es trotzdem, aus gutem Grund. Es ist ein waschechter 68er mit bewegter Geschichte – wie so manch Bewohner.

Michael Beltz weht der Wind um die Nase. Zusammen mit dem Hausverwalter Michael Menges steht der 76-Jährige auf dem Dach seines Zuhauses, der Diezstraße 7. Von dem 44 Meter hohen Hochhaus aus können die beiden die gesamte Innenstadt überblicken, die Burgen aus dem Umland ebenfalls, selbst die Windräder in Hohenahr drehen sich am Horizont. "Verdammt hoch", sagt Menges und erhält von Bewohner Belz ein zustimmendes Nicken. "Kein Wunder, dass hier schon ein paar Leute heruntergesprungen sind." Drei, um genau zu sein. Einen habe er morgens vor dem Haus liegen sehen, sagt Beltz. "Das war furchtbar." Nicht das einzige Drama, das sich im Gießener City-Hochhaus abgespielt hat.

"Höchstes Wohnhaus in Gießen gerichtet", titelte die Gießener Allgemeine Zeitung am 23. August 1968. 15 Geschosse, damals noch 128 Wohnungen (heute sind es durch Teilungen 153) und acht Gewerbeeinheiten waren aus dem Boden gestampft worden. Kein leichtes Unterfangen, wie ein Blick in die Archive offenbart. Von komplizierten und langwierigen Grundstücksverhandlungen war die Rede.

Schwierige Bauarbeiten

Auch die Arbeiten selbst seien schwierig gewesen. Zur Grundwasserabsenkung hätten beispielsweise zwölf Tiefbrunnen gebohrt werden müssen, die dafür notwendigen Pumpen sollen bis zu zwölf Stunden pro Tag gearbeitet haben. Das damals vorgesehene, jedoch nie realisierte Parkhaus mit 182 Stellplätzen machte eine Tiefgründung von bis zu sechs Metern notwendig. In jener Zeit verging kaum ein Monat, in dem der Bauherr, die Heimbau Südwest GmbH, keine Werbeanzeige in der Zeitung schaltete. "Preisgünstig, komfortabel, zentral" waren die Schlagworte, mit denen potenzielle Käufer angelockt werden sollten.

Am Anfang hatten wir noch keine Türen

Bewohnerin Else Bernhardt

Eine davon war Else Bernhardt. Sie ist Anfang 1969 in das Hochhaus gezogen. Keiner wohnt länger hier. "Damals war das Haus noch gar nicht richtig fertig. Wir hatten zum Beispiel keine Türen", erinnert sich die 85-Jährige. Sie sei Anfang 30 gewesen und habe nach zwei Umzügen einfach keine Lust mehr gehabt, weiterhin zur Miete zu wohnen. "Mir hat es gereicht. Also habe ich mir die Wohnung in der Dietzstraße gekauft." Damals sei sie eine der jüngeren Bewohnerinnen gewesen. "Es waren vor allem ältere Herrschaften, die ihre Häuser verkauft haben und hier eingezogen sind."

Vermutlich aus den gleichen Gründen, aus denen das Hochhaus noch heute so beliebt ist: Ärzte, Apotheken, Geschäfte, im Grunde das gesamte Spektrum an Dienstleistungen ist nur einen Steinwurf entfernt. Und nicht nur das: Beltz zum Beispiel kann aus seiner Wohnung in den Botanischen Garten blicken, das Stadttheater ist ebenfalls um die Ecke, was auch erklärt, warum mehrere Ensemble-Mitglieder zu seinen Nachbarn gehören. "Im Herzen der Stadt": Der 50 Jahre alte Slogan ist heute aktueller den je. Und wäre das Dachcafé vor acht Jahren nicht um ihre Skybar aufgestockt worden, die Diezstraße 7 dürfte sich noch heute als Gießens höchstes Wohnhaus rühmen.

Ecke war ein Trümmergrundstück

1968, als das Hochhaus Richtfest feierte, war Beltz 26 Jahre alt. "Ich kann mich noch genau erinnern, wie es hier vorher ausgesehen hat. Die Ecke war ein Trümmergrundstück, auf dem die Überreste des Krieges lagerten." Während der Bau des Hauses lediglich die sichtbaren Narben des Naziregimes beseitigte, bemühte sich Belz um einen gesellschaftlichen Wandel. 1968 hat dabei sein politisches Fundament gelegt. So wurde er zum Beispiel Mitglied im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, in dem auch sein prominenter Bruder Matthias Beltz aktiv war.

"Das war eine wilde Zeit. Sie hat mich sehr geprägt", erinnert sich der Gießener. Beltz ging auf die Straße und protestierte gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze. Er war jahrelang Vorsitzender der DKP in Hessen, weshalb sich der Grundschullehrer beinahe ein Berufsverbot eingehandelt hätte. Während die politische Einstellung vieler anderer Spontis mit den Jahren gemäßigter wurde, schlägt Belz’ Herz noch heute für den Kommunismus.

Stadttheater um die Ecke

Seit 1973 wohnt er nun schon in der Diezstraße. Genauer gesagt im achten Stock, zur Rückseite hin. Eine gute Lage im Haus, wie der 76-Jährige betont. "Es gibt Wohnungen, in denen man den Lärm von der Straße viel stärker hört." Vor allem in der Zeit, als die amerikanischen Soldaten in Gießen stationiert waren, sei das ein Problem gewesen. Die GIs hätten sich mit ihren Schlitten regelmäßig in der Neuen Bäue getroffen und dabei ordentlich Krach gemacht. "Einer aus unserem Haus hat einem Ami deswegen mal Blumenerde ins Verdeck gekippt", erinnert sich Beltz. Mit dem Abzug der Amerikaner seien aber auch diese Probleme verschwunden.

Heute ist Beltz längst in Rente. Untätig ist er jedoch nicht. Er sitzt noch immer für die Gießener Linke im Stadtparlament. Und auch in seinem Zuhause übernimmt er als Vorsitzender des fünfköpfigen Verwaltungsbeirats Verantwortung. "Natürlich gibt es immer mal wieder den ein oder anderen Bewohner, der Ärger macht. Aber generell haben wir hier ein sehr angenehmes Klima." Das liege zum einen daran, dass sich viele Bewohner schon seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten kennten, zum anderen aber auch an dem Auftreten der hier wohnenden Studenten. Der 76-Jährige lacht: "Viele der Älteren staunen, wie sympathisch junge Leute doch sein können." Das gelte im Übrigen auch für die vielen ausländischen Hausbewohner. "Wir haben hier 14 unterschiedliche Nationalitäten. Ich finde das sehr angenehm. Es gibt wenig Probleme."

Viele der Älteren staunen, wie sympathisch junge Leute doch sein können

Bewohner Michael Beltz

Hausverwalter Menges kann das nur bestätigen. "Es gibt kaum Konfliktpotenzial. Die Eigentümer halten zusammen." Und trotzdem sei es eine große Herausforderung, solch ein Hochhaus zu verwalten. Da alle Wohnungen in Privatbesitz seien, würden Abstimmungen über anstehende Investitionen mitunter etwas länger dauern.

Die Entscheidung zur Anschaffung des Fahrstuhls im Eingangsbereich, der lediglich acht Stufen bewältigen muss und somit wohl der kürzeste im gesamten Stadtgebiet ist, zog sich über Jahre hin. Aber auch die Gebäudestruktur bringe die ein oder andere Hürde mit sich. "Für ein Hochhaus gibt es viel strengere Auflagen als für normale Mehrfamilienhäuser", sagt Menges. Und nennt als mahnendes Beispiel den Brandschutz.

Brand im Dezember 1978

Es ist die Nacht auf den zweiten Adventsonntag 1978, als Unbekannte im Keller des Hochhauses Feuer legen. Die dort untergebrachte Trafostation wird beschädigt, ein Großteil des Stadtbezirks liegt im Dunkeln. Bewohner rennen auf die Balkone und schreien um Hilfe. 100 Einsatzkräfte eilen herbei und kämpfen stundenlang gegen die Flammen. Teils im Schlafanzug retten sich die Bewohner in die Rettungskörbe der Drehleitern. "Das war schrecklich. Wir hatten Angst. Ich habe in meiner Wohnung ausgeharrt und die Türen mit Handtüchern abgedichtet", erzählt Bernhardt. Auch Beltz vertraute auf die Kraft des Wassers und blieb in seiner Wohnung. Im Endeffekt ging der Brand glimpflich aus. 50 Bewohner mussten evakuiert werden, vier wurden verletzt, einer davon schwer.

Damit so etwas nicht noch einmal passiert, muss die Eigentümergemeinschaft immer wieder Geld in die Hand nehmen. Nicht nur für den Brandschutz: Aktuell werden zum Beispiel die Dächer saniert, als nächstes steht die Elektrik an. In den Tod stürzen kann sich hier so schnell auch niemand mehr, die Sicherungsvorkehrungen wurden deutlich erhöht. "Im Grunde wird am Haus immer gearbeitet. Irgendwann wird alles saniert sein", sagt Menges. Bis auf das Fundament. Das wird ein echter 68er bleiben – genauso wie Bewohner Beltz.

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