Der Gießener Experte Prof. Ulrich Sachs rät den meisten jungen Menschen von dem Impfstoff von Astrazeneca ab. (Symbolfoto)
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Der Gießener Experte Prof. Ulrich Sachs rät den meisten jungen Menschen von dem Impfstoff von Astrazeneca ab. (Symbolfoto)

Corona

Hirnvenenthrombosen nach Astrazeneca-Impfung: „Seitdem ist sie nicht mehr ansprechbar“

  • Christoph Hoffmann
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Der Astrazeneca-Impfstoff steht in der Kritik. Auch der Gießener Experte Prof. Ulrich Sachs rät den meisten jungen Menschen von diesem Impfstoff ab.

Gießen – Impfen, darin sind sich die Experten einig, ist der Weg aus der Pandemie. Doch während andere Länder die Vakzine zügig in die Arme ihrer Bürger bringen, hinkt Deutschland hinterher. Gleichzeitig entwickelt sich ein Impfstoff mehr und mehr zum Sorgenkind. Mitte der Woche wurde bekanntgegeben, dass nur noch Menschen über 60 mit Astrazeneca geimpft werden sollen. Grund: Bei bisher 31 Personen traten Hirnvenenthrombosen auf, 29 davon waren Frauen. Neun Betroffene sind daran verstorben.

»Wir in der Gerinnungsmedizin haben schon vor zwei Wochen gesagt, dass man die Erstimpfung mit Astrazeneca für Frauen zwischen 20 und 50 Jahren aussetzen sollte«, sagt Prof. Ulrich Sachs, Leiter der Sektion Hämostaseologie am Uniklinikum Gießen/Marburg. Trotzdem sei es eine kluge Entscheidung gewesen, den Impfstoff auch für Männer auszusetzen. Es liege zwar nahe, dass geschlechtsspezifische Ursachen vorliegen, bewiesen sei das aber nicht. Fakt ist hingegen, dass bisher viel mehr Frauen unter 60 mit Astrazeneca geimpft worden sind als gleichaltrige Männer. Das liegt vor allem daran, dass Frauen häufiger in Kitas, Schulen oder Pflegeeinrichtungen arbeiten und somit bei den Impfungen priorisiert waren.

Thrombosen nach Impfung mit Astraceneca: Wenige Fälle, schwere Folgen

Eine Hirnvenenthrombose tritt nur nach einer von 70 000 Impfungen auf. Also äußerst selten. Dafür sind die Folgen gravierend, sagt Sachs. Meist beginne es mit Kopfschmerzen, Sehstörungen und/oder Krämpfen zwischen dem vierten und 20. Tag nach der Impfung. »Wir haben eine ganze Reihe von Patienten, bei denen es dann zu einem kompletten Verschluss kommt. Das hat zwei Konsequenzen: Einmal wird es schlichtweg zu eng im Kopf. Zum anderen kann es hinter den Thrombosen zu Einblutungen im Gehirn kommen«, erklärt der Mediziner und fügt an: »Die Patienten haben also schwere neurologische Schäden.« Neun Todesopfer bei 31 Fällen sprechen eine deutliche Sprache. Hinzu kommen mögliche Langzeitfolgen. »Noch kann man das nicht bestimmt sagen«, sagt Sachs. »Man muss aber befürchten, dass die Betroffenen dauerhaft mit schweren neurologischen Ausfällen und Behinderungen leben müssen.«

Als hämostaseologischer Dienst betreut das Team um Sachs auch umliegende Krankenhäuser. In einem Haus liege eine betroffene Patientin, sagt der Mediziner. »Der 42-Jährigen musste an beiden Seiten der Schädel geöffnet werden, weil der Druck so hoch war. Seitdem ist sie nicht mehr ansprechbar.«

Durch Astrazeneca (blaue Schale) können Hirnvenenthrombosen entstehen. Bei Biontech (grüne Schale) und Moderna (orange) ist das nicht der Fall.

Gießener Experte warnt vor Ungewissheit beim Impfstoff von Astrazeneca

Der Grund für die Impf-Nebenwirkung ist eine Fehlreaktion, wie Sachs erklärt. »Der Impfstoff soll eine Immunreaktion gegen das Virus auslösen. Astrazeneca ruft aber bei einer kleinen Gruppe von Menschen auch eine Immunreaktion gegen Blutplättchen hervor.« Die Folge: Der Körper leitet eine Gerinnung ein, obwohl sie nicht gebraucht wird. Warum das ausgerechnet im Gehirn passiert, sei derzeit noch unklar, sagt Sachs.

Es ist also noch vieles ungewiss in Sachen Astrazeneca und Hirnvenenthrombosen. Sachs und sein Team arbeiten aber daran, mehr Klarheit zu schaffen. »Wir bauen hier in Gießen seit 14 Tagen zusammen mit Zentren in Bonn und Tübingen eine Diagnostik auf.« In diesem Zusammenhang werde versucht, andere Testverfahren für Erkrankungen mit ähnlichen Mechanismen an die aktuellen Vorfälle anzupassen.

In vielen Punkten haben die Mediziner aber auch schon Gewissheit. Sachs betont zum Beispiel, dass die Impf-Nebenwirkung nicht mit der übliche Entstehung von Thrombosen vergleichbar sei. »Wir haben es aktuell nicht mit einer Störung des Gerinnungssystems, sondern mit einer Störung des Immunsystems zu tun.« Daher ist Sachs auch überzeugt, dass Personen, die unter Gerinnungsstörungen leiden, nach einer Impfung kein erhöhtes Risiko haben, eine Hirnvenenthrombose zu erleiden.

Corona-Impfung mit Astrazeneca: Risiken müssen abgewogen werden

Generell gelte es, bei einer möglichen Impfung mit Astrazeneca die Risiken abzuwägen, sagt der Mediziner. Ein 30-jähriger übergewichtiger und an Asthma leidender Mann, der in einem Kindergarten arbeitet und daher ein hohes Risiko eingeht, sich mit der britischen Variante zu infizieren, für den könnte eine Impfung mit Astrazeneca sinnvoll sein.

Allerdings auch nur, wenn kein anderer Impfstoff verfügbar sei, sagt Sachs. »Wenn wir genügend andere Impfstoffe haben, gibt es keinen Grund mehr, Astrazeneca zu spritzen.«

Menschen, die die erste Impfung mit Astrazeneca hinter sich haben, dürften momentan besonders verunsichert sein. Prof. Ulrich Sachs kann diesbezüglich keine offizielle Entwarnung geben, da bisher noch nicht ausreichen Daten vorlägen. Der Mediziner betont aber auch, dass bisher alle Hirnvenenthrombosen bereits nach der Erstimpfung aufgetreten sind. (Von Christoph Hoffmann)

Die zunehmende Verunsicherung beim Impfen mit Astrazeneca macht sich auch im Impfzentrum Heuchelheim bemerkbar. Viele Menschen lehnen den Astrazeneca-Impfstoff ab.

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