Hinein in die Wühltisch-Ära

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Hüfthalter, Joppe und "Leib-Seel-Hose". Vor 70 Jahren startete der erste Winterschlussverkauf nach dem Krieg. Mitten in den Trümmern blühte eine Vielfalt an Fachgeschäften wieder auf.

Ein "Meer von kleinen Preisen" verspricht das Stoffgeschäft Bernhard&Sohn in der Plockstraße. Das Schuhhaus Walther Martin lockt in die Westanlage: "Wir nennen keine Preise, denn man muss sehen und erleben, was geboten wird! Die Fenster sagen alles!" Und Karstadt wirbt ganzseitig: "Winterschlussverkauf wie früher! Nicht zögern. Zupacken!" Knallige Reklame, Gedränge vor Ladenöffnung, Jagd auf Berge von reduzierter Ware: Zehn Jahre lang hatten die Gießener so etwas nicht mehr erlebt. Knapp fünf Jahre nach Kriegsende ersteht der Einzelhandel auf aus den Ruinen der Stadt. Der erste Winterschlussverkauf vor 70 Jahren wird zum überwältigenden Erfolg.

Während des Zweiten Weltkriegs und vor allem in den ersten Jahren danach haben die Menschen auch im zerbombten Gießen gelitten unter Hunger, Kälte, Wohnungsnot, Mangel in jeglicher Hinsicht. Das Jahr 1948 brachte die Wende mit Währungsreform und Marshallplan, also massiven Hilfen aus den USA. Nun, Anfang 1950, ist die Versorgung über Rationierungen nicht mehr nötig. Zwar gibt es einige Grundnahrungsmittel - Fett, Zucker, Vollmilch - offiziell weiterhin nur gegen "Marken". In Wirklichkeit nehmen die Händler diese nicht mehr an, erläutert ein Kommentator in der Gießener Freien Presse - so hieß damals die Gießener Allgemeine Zeitung - unter der Überschrift "Markenkomödie": "Die Läden sind voll." Die Ware bekomme, wer etwas im Geldbeutel habe.

Ein paar Mark und Pfennig sind bei den meisten darin, und der Bedarf ist riesig; das hat schon der erste Sommerschlussverkauf 1949 gezeigt. Jetzt setzt der WSV - punktgenau wird der Januar-Lohn ausgezahlt - noch eins drauf. Größere Geschäfte streichen die Mittagspause, stocken mit Aushilfen ihr Personal auf. Die 1946 gegründete GFP druckt erstmals seitenweise große Werbeanzeigen.

Der heutige Leser staunt in mehrfacher Hinsicht. Zum Beispiel über eine Innenstadt, in der zwischen Trümmern eine vielfältige Geschäftswelt wiederaufblüht und allmählich vom Provisorium zu neuem Glanz gelangt. Davon zeugen Adresszusätze wie "noch im Hinterhaus", "in der Baustelle Mäusburg", "Baracke" und "jetzt wieder Seltersweg".

Ein inhabergeführtes Fachgeschäft reiht sich ans andere. Einige bestehen bis heute - Köhler, Schlüter, Darré, Waldschmidt -, an andere wie Imheuser, Schneider oder Brückner+Mund erinnern sich die etwas Älteren. Aber vor 70 Jahren scheint Gießen eine wahre Modemetropole gewesen zu sein. Allein im Seltersweg sind Dutzende Läden ansässig, von Else Dittmar Inh. Gustav Bergan ("modische Strickwaren aller Art") über Adolf Möhl und Bensberg bis zu Schneberger ("Damen-Nachthemden, aparte Muster"). Mittendrin die Eisenhandlung Lauer, die ihre "Sperrholzkoffer mit oder ohne Einsetzung" empfiehlt.

In der Bahnhofstraße findet man unter anderem die Modehäuser Hettlage (Ecke Neustadt) und Josef Unverzagt ("Für wenig Geld werden große Wünsche erfüllt"). Weiter geht es in die Westanlage zu Gerhard Kirsch&Co (Herren-Anzüge ab DM 49.50), Rud. F. Guis (Wäsche und Trikotagen), dann vielleicht zu Richard Butz in der Liebigstraße (Spezialhaus für Damenmäntel). Oder in die Plockstraße zu Heinrich Hochstätter (Dekorationsstoffe), Ludwig Haas (Gummischürzen, Gittertüll) oder Frdr. Teipel (Hüfthalter DM 1.50). Oder, oder, oder.

Hüfthalter? Auch was Kleidung betrifft, befinden wir uns in einer fern scheinenden Ära. Man trägt Joppe, "Sportmütze", "Leib-Seel-Hosen, wollgemischt", Krawatten namens "Selbstbinder", "Kinderschlüpfer, Plüsch, mit Kunstseide-Decke", "Überfallhosen" oder die Mantelmodelle "Winter--Ulster" und "Stutzer".

Vorbote des Wirtschaftswunders

Für größere Anschaffungen fehle vielen noch das Geld, doch Strümpfe, Unterwäsche oder Stoffe fänden "reißenden Absatz", stellt die GFP fest. Dem Reporter fällt trotz Wühltischschlachten vor allem das "ästhetische Empfinden" der Kundinnen auf. "Wer unsere Damen beim Einkauf beobachten konnte, wird festgestellt haben, dass vor allen Dingen auf schöne Sachen Wert gelegt wurde." Fazit: Die beiden Aktionswochen hätten "preislich, umsatz- und qualitätsmäßig alles Bisherige in den Schatten gestellt".

Die Gießener haben Hoffnung, überall wird wiederaufgebaut. Doch wie steil es ökonomisch weiter bergauf gehen wird, kann sich kaum jemand vorstellen. Für das gerade angebrochene Jahrzehnt ist der Winterschlussverkauf 1950 ein symptomatischer Vorbote. Das "Wirtschaftswunder" rollt an.

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