Hinein in die Wühltisch-Ära

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
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»Leib-Seel-Hose« und Joppe zwischen Trümmern: 1950 startet in Gießens Fußgängerzone der erste Winterschlussverkauf nach dem Krieg - mit riesigem Erfolg. Eine verblüffende Vielfalt an Fachgeschäften blüht wieder auf.

Ein »Meer von kleinen Preisen« verspricht das Stoffgeschäft Bernhard&Sohn in der Plockstraße. Das Schuhhaus Walther Martin lockt in die Westanlage: »Die Fenster sagen alles!« Und Karstadt wirbt ganzseitig: »Winterschlussverkauf wie früher!« Knallige Reklame, Gedränge vor Ladenöffnung, Jagd auf Berge von reduzierter Ware: Zehn Jahre lang haben die Gießener so etwas nicht mehr erlebt. Knapp fünf Jahre nach Kriegsende ersteht der Einzelhandel aus den Ruinen der Stadt auf. Der erste Winterschlussverkauf im Februar 1950 wird zum überwältigenden Erfolg. Und für die »Gießener Freie Presse«, so hieß damals die »Gießener Allgemeine Zeitung«, beginnt eine neue Anzeigen-Ära.

Während des Zweiten Weltkriegs und vor allem in den ersten Jahren danach haben die Menschen auch im zerbombten Gießen gelitten unter Hunger, Kälte, Wohnungsnot, Mangel in jeglicher Hinsicht. Das Jahr 1948 brachte die Wende mit Währungsreform und Marshall-Plan. Beim Wiederaufbau der Innenstadt genießt der Einzelhandel Priorität vor dem Wohnungsbau.

Nun blüht zwischen Trümmern eine vielfältige Geschäftswelt wieder auf. »Noch im Hinterhaus«, »in der Baustelle Mäusburg«, »Baracke« und »jetzt wieder Seltersweg« heißt es in den Dutzenden großer Anzeigen, die die junge GFP erstmals abdruckt.

Der Bedarf an Waren ist riesig. Das hat schon der erste Sommerschlussverkauf 1949 gezeigt. Jetzt setzt der WSV - punktgenau wird der Januar-Lohn ausgezahlt - noch eins drauf. Geschäfte streichen die Mittagspause, stocken mit Aushilfen ihr Personal auf.

Der heutige Leser staunt in mehrfacher Hinsicht. Zum Beispiel über eine Innenstadt, in der sich ein inhabergeführtes Fachgeschäft ans andere reiht. Einige bestehen bis heute - Köhler, Darré, Waldschmidt, Schlüter -, an andere wie Imheuser, Schneider oder Brückner+Mund erinnern sich die etwas Älteren. 1950 jedoch scheint Gießen eine wahre Modemetropole zu sein. Allein im Seltersweg sind Dutzende Läden ansässig, von Else Dittmar Inh. Gustav Bergan (»modische Strickwaren aller Art«) über Bensberg bis zu Schneberger (»Damen-Nachthemden, aparte Muster«). Mittendrin die Eisenhandlung Lauer, die »Sperrholzkoffer mit oder ohne Einsetzung« empfiehlt.

In der Bahnhofstraße findet man unter anderem die Modehäuser Hettlage (Ecke Neustadt) und Josef Unverzagt (»Für wenig Geld werden große Wünsche erfüllt«). Weiter geht es in die Westanlage zu Gerhard Kirsch&Co (Herren-Anzüge ab DM 49.50), Rud. F. Guis (Wäsche und Trikotagen), dann vielleicht zu Richard Butz in der Liebigstraße (Spezialhaus für Damenmäntel). Oder in die Plockstraße zu Heinrich Hochstätter (Dekorationsstoffe), Ludwig Haas (Gummischürzen, Gittertüll) oder Frdr. Teipel (Hüfthalter DM 1.50). Oder, oder, oder.

Einkaufsstadt zieht die ganze Region an

Hüfthalter? Man trägt außerdem Joppe, »Leib-Seel-Hosen, wollgemischt«, »Sportmütze«, Krawatten namens »Selbstbinder«, »Kinderschlüpfer, Plüsch, mit Kunstseide-Decke«, »Überfallhosen«, »Stutzer« oder »Winter--Ulster«.

Für größere Anschaffungen fehle vielen noch das Geld, stellt die GFP fest. Dem Reporter fällt trotz Wühltischschlachten das »ästhetische Empfinden« der Kundinnen auf. Fazit: Die beiden Aktionswochen stellen »preislich, umsatz- und qualitätsmäßig alles Bisherige in den Schatten«.

Die Gießener haben Hoffnung. Doch wie steil es ökonomisch weiter bergauf gehen wird, kann sich (noch) kaum jemand vorstellen. Der Winterschlussverkauf 1950 ist ein Vorbote des »Wirtschaftswunders«. Und er festigt den Ruf Gießens als Einkaufsstadt, deren Magnetwirkung auf die Region (»Zentralitätsgrad«) bundesweit Spitze sein wird.

Jahrzehntelang spült der Schlussverkauf zweimal im Jahr die Massen in die Fußgängerzone. In den 1980er Jahren verliert er an Bedeutung, 2004 werden die strengen Regeln abgeschafft. Heute wird nur noch vereinzelt mit »SSV« und »WSV« geworben. »Sale« und neue Modewellen gibt es ständig und allerorten.

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