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Hilferuf in leuchtend Rot

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Das Corona-Virus kann tödlich sein. Auch für die Kultur- und Veranstalterbranche. Denn Konzerte, Theater- und Kinovorstellungen sind wohl noch auf längere Zeit nur unter strengen Auflagen möglich. Wie sehr sie das in Not bringt, machten Kulturtreibende in der Nacht zum Dienstag mit zwei bundesweiten Aktionen deutlich. Bei einer Night of Light wurden markante Gebäude rot angeleuchtet und Musiker gaben Konzerte in intimem Rahmen.

Eine Branche sieht rot. Zahlreiche Kulturveranstalter in Gießen machten darauf in der Nacht zum Dienstag aufmerksam, indem sie Gebäude und Spielstätten in der Stadt rot anleuchteten. Hotspot war am Berliner Platz: Hier wurden Stadttheater, Kongresshalle und Kinopolis spektakulär in rotes Licht getaucht. An der Fassade des Hotel Steinsgarten gab es eine Lasershow, das "Ritzi’s" in der Ludwigstraße hatte Rotlicht eingeschaltet und auch Schiffenberg und Hessenhallen waren illuminiert. Mit der Aktion machten Kulturinstitutionen und Veranstalter unmissverständlich klar: "Wir brauchen Hilfe, denn unsere Existenz ist bedroht. Weitere 100 Tage Lockdown überleben wir nicht."

Auch in Gießen vereinte die Aktion Betroffene aus allen Bereichen der Veranstaltungswirtschaft: Veranstaltungstechniker, Location-Betreiber, Künstler, Veranstalter, Caterer, Gastronomen und viele mehr beteiligten sich.

Besonders spektakulär wirkte die Szenerie rund um den Berliner Platz, wo mit Theater, Kongresshalle und Kinopolis gleich drei der großen Kulturinstitutionen der Stadt vertreten sind. Pünktlich zur Blauen Stunde standen denn auch zahlreiche Fotografen mit Stativen parat, um das seltene Schauspiel im Bild einzufangen. Nachdem Stadttheater-Intendantin Cathérine Miville und Mitarbeiter Behzad Borhani dafür gesorgt hatten, dass die aus Sicherheitsgründen vorgeschriebene weiße Beleuchtung am Portal abgestellt wurde, war das Bild perfekt. "So könnte es ruhig immer aussehen", schwärmten Passanten. Und auch die in sattes Rot getauchte Fassade der Kongresshalle bot ein beliebtes Fotomotiv - sogar für Autofahrer, die ihre Handys zückten.

Wer wissen wollte, worum es bei der Aktion ging, konnte sich auf einer großen Videowand vor dem Kongresshallenportal informieren. Wegen der behördlichen Auflagen ist dem Wirtschaftszweig praktisch über Nacht die Arbeitsgrundlage entzogen worden. Seit Mitte März macht die Veranstaltungswirtschaft quasi keinen Umsatz mehr. Und weggefallene Umsätze können nicht mehr nachgeholt werden. Es droht eine Pleitewelle. Kreditangebote helfen nur bedingt, so der Appell an die Politik.

Wann und unter welchen Bedingungen ein halbwegs normaler Betrieb wieder möglich sein wird, ist völlig ungewiss. "Es fehlt an jeglicher Planungssicherheit bis in das Jahr 2021 hinein - auch bedingt durch fehlende umsetzbare behördliche Vorgaben für die Genehmigungsfähigkeit von Veranstaltungen", kritisiert die Messe Gießen GmbH, die wie viele Unternehmen der Branche durch das Veranstaltungsverbot massiv betroffen ist.

Als Betroffener hatte sich auch Konzertveranstalter Dennis Bahl an der Aktion beteiligt und die Basilika des Schiffenbergs, wo er in diesem Jahr wegen Corona nicht wie geplant den Gießener Kultursommer stattfinden lassen kann, in rotes Licht getaucht und Drohnenaufnahmen des seltenen Anblicks in Auftrag gegeben. Viele Besucher kamen im Laufe des lauen Sommerabends eigens auf Gießens Hausberg, um das zu sehen.

1:1-Konzerte

Reger Andrang, wenn auch coronakompatibel gelenkt, herrschte auch bei den "1:1-Konzerten" von Musikern des Philharmonischen Orchesters im Kassenraum des Stadttheaters. Wer sich vorab angemeldet hatte, konnte im ungewohnt intimen Rahmen ein zehnminütiges Privatkonzert erleben: ein Musiker, ein Zuhörer. Es musizierten abwechselnd Gowoon Baek und Vera Krauss (Geige), Torsten Oehler (Cello), Kirsten Mehring (Flöte) sowie Kurt Förster und Alexander Schmidt-Ries (Posaune). "Wir wollen ein Zeichen der Solidarität an die finanziell schwer getroffenen freischaffenden Musiker senden", betont der Orchestervorstand und freut sich über Spenden an den Nothilfefonds unter dem Dach der Deutschen Orchesterstiftung, der freischaffenden Musikern Zugang zur Sicherung ihrer Existenz ermöglicht.

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