Das Frühchen atmet selbstständig, aber es bekommt Unterstützung mittels leichten Überdrucks. Wie viel ideal ist, wird nun erforscht. FOTO: PM
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Das Frühchen atmet selbstständig, aber es bekommt Unterstützung mittels leichten Überdrucks. Wie viel ideal ist, wird nun erforscht. FOTO: PM

Lebensrettende Forschung

Hilfe für winzige Lungen am Uniklinikum Gießen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die Lunge ist die Schwachstelle in der Neugeborenenmedizin. Kaum ein Frühchen kann sofort selbstständig atmen. Eine Beatmung mittels Intubation geht häufig mit enormen Folgeschäden einher. Wie sieht die optimale Therapie aus? Dazu hat jetzt am Uniklinikum Gießen eine wegweisende Studie begonnen.

Von dem Säugling ist nicht viel zu sehen, kleine Kanülen stecken in seiner Nase, die Atmung wird durch einen leichten Dehnungsdruck unterstützt. Ziel ist es, die Atemwege offen zu halten und die Lunge vor einem Kollaps zu schützen. CPAP-Therapie nennt man das, schildert Dr. Markus Waitz (Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie des UKGM). Dieses Verfahren (Continuous Positive Airway Pressure) wird bereits seit etwa 20 Jahren erfolgreich angewendet. Es ist sehr viel schonender als eine maschinelle Beatmung der Frühchen.

Diese belastende und schmerzhafte Maßnahme ist zwar oftmals lebensrettend, aber sie geht mit dem Risiko einher, dass das Lungengewebe geschädigt wird und das Baby eine chronische Lungenkrankheit entwickelt, die zeitlebens für erhebliche Einschränkungen sorgt. Zudem muss mit schweren entwicklungsneurologischen Störungen gerechnet werden.

Wann immer es möglich sei, werde deshalb auf die invasive Beatmung mittels eines Schlauchs in der Luftröhre verzichtet, erläutert der Kinderarzt. Das sei bei etwa 50 Prozent der Frühgeborenen der Fall, diese behandele man mit CPAP. Diese Methode, bei der die Kinder selbstständig atmeten, aber dabei Unterstützung erführen, sei bundesweit Goldstandard.

Bisher gab es jedoch keine klinischen Studien darüber, welcher Dehnungsdruck die größten Erfolge verspricht. Das ändert sich nun mit einer Multicenterstudie, die von der Gießener Neonatologie initiiert und durch die Else-Kröner-Fresenius Stiftung gefördert wird.

"Das ist eine wirklich richtungsweisende Studie, wir gehen davon aus, dass sie uns einen großen Schritt weiterbringt", sagt Dr. Harald Erhardt, der Leiter der Neonatologie. Bei der Versorgung Frühgeborener habe es in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gegeben, dennoch folgten auf jede neue Erkenntnis viele neue Fragen.

Die Lunge sei die Schwachstelle der Frühchen. Ursache sei ein Mangel an einem Oberflächenprotein, ergänzt Waitz, das erst zu einem späten Zeitpunkt der Schwangerschaft gebildet werde. Fehle es, werde die Lungenausdehnung erschwert und die Lunge habe die Tendenz, zusammenzufallen. Unbehandelt sei dies ein lebensbedrohlicher Zustand. An der Studie werden in den kommenden beiden Jahren etwa 250 kleine Patienten aus sechs verschiedenen Kliniken teilnehmen. Sie werden während der ersten Wochen und Monate begleitet, mit zwei und mit fünf Jahren erfolgen dann Kontrolluntersuchungen.

Die Anzahl der Frühgeborenen steigt seit langem weltweit kontinuierlich. Alleine in Hessen werden jedes Jahr mehr als 700 Frühchen geboren, deren Lunge aufgrund der Unreife und fehlender Lungenbläschen besonders gefährdet ist. Bisher gibt es nur wenige Medikamente, die geeignet sind, die Lungenschädigung zu reduzieren. Umso wichtiger sei es, die Beatmungsstrategien weiter zu verbessern, verdeutlicht Waitz.

Dass die maschinelle Beatmung auch für Erwachsene eine große Belastung ist, wird der Öffentlichkeit derzeit durch die Covid-19-Patienten deutlich. Auch hier werden zunächst andere Verfahren eingesetzt und notwendige invasive Therapien nach Möglichkeit zeitlich begrenzt.

Forschung für Frühchen

Die Neonatologie des UKGM gehört zu den innovativsten und erfolgreichsten Deutschlands. Schwerpunkte sind neben der Erforschung neuer Beatmungsstrategien und der Förderung der Lungenentwicklung auch die Erforschung der Stammzellen und der Ernährung. Durch eine Optimierung der Ernährung erhofft man sich eine Verbesserung des Organwachstums. Zudem wird die familiäre Bindung und Nachsorge durch diverse Projekte unterstützt. Da die Arbeit des Teams um Dr. Harald Erhardt auf Spenden angewiesen ist, gibt es die Aktion "Die Kleinsten brauchen Ihre Hilfe". Die Kontaktdaten sind auf der Homepage des Uniklinikums (ukgm.de) zu finden.

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