Wildwasser ist bestrebt, für betroffene Kinder eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. FOTO: SCHEPP
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Wildwasser ist bestrebt, für betroffene Kinder eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. FOTO: SCHEPP

Hilfe für Missbrauchte

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Gießen(pm). Im November 1990 öffnete sich der Deckel einer Holztruhe in der Wildwasser-Beratungsstelle in der Reichenberger Straße, hinaus stiegen bunte Luftballons, beschriftet mit Begriffen wie "Wut" und "Schmerz", aber auch mit "Hoffnung" und "Heilung". Die Sozialdezernenten und Frauenbeauftragten aus Stadt und Landkreis, die Vereinsfrauen, die wenige Monate zuvor den Gießener Wildwasser-Verein gegründet hatten, die Fachkräfte, die auf der Suche waren nach wirksamen Konzepten zum Schutz betroffener Mädchen, und die erwachsenen Betroffenen, die sich in Selbsthilfegruppen gegenseitig unterstützen: Sie alle standen hinter dem Konzept: eine Institution zu finden, die bei sexuellem Missbrauch Hilfe anbot. In der Öffentlichkeit war das Thema damals noch weitgehend tabuisiert.

Von anfänglich einer halben Stelle und einigen Honorarstunden erweiterte sich das Team schnell auf zunächst drei Mitarbeiterinnen, 1994 folgte der Umzug in größere Räume in der Liebigstraße. In dieser Zeit traf sich nahezu an jedem Abend eine Selbsthilfegruppe für betroffene Frauen in der Beratungsstelle, der Bedarf war riesig.

Die Mitarbeiterinnen beteiligten sich am Aufbau professioneller Netzwerke, um den Schutz von Mädchen und Jungen strukturell zu verankern. Fortbildungen für Fachkräfte, Kooperation unterschiedlicher Professionen wurden etabliert. Seit 2000 wurden die Themen Kindesvernachlässigung und -misshandlung und sexueller Missbrauch mehr öffentlich diskutiert. Der runde Tisch der Bundesregierung zu Fragen des sexuellen Missbrauchs wurde eingerichtet, und damit verbunden neue rechtliche Rahmenbedingungen für Beratung und Fortbildung. Zusammen mit Stadt und Landkreis Gießen und anderen Beratungsstellen in der Region wurde die "Regionale FrühPrävention" geschaffen, ein stabiles Zusammenspiel von Fortbildung und fachlicher Beratung für pädagogische Fachkräfte zum Schutz von Mädchen und Jungen. Der Bedarf an Fortbildungen für Fachkräfte wuchs, und Wildwasser Gießen reagierte mit der Entwicklung eines eigenen Arbeitsschwerpunktes, der Wildwasser-Akademie.

Drei Standbeine

Ungefähr zur gleichen Zeit wuchs die Nachfrage nach tätertherapeutischen Hilfen für junge Menschen, die sich sexuell übergriffig verhalten hatten und spezifischer Hilfen bedurften. Nach einer intensiven Auseinandersetzung entschied sich der Verein im Jahr 2006, hier ein Angebot zu entwickeln, die Beratungsstelle LIEBIGneun. Sie wurde 2008 von der ehemaligen Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth eröffnet und ist heute Bestandteil im Kinderschutz.

30 Jahre nach der Gründung hat der Verein zehn Mitarbeiterinnen, die in den drei Bereichen des Vereins - Wildwasser, LIEBIGneun und Akademie - tätig sind. Der Standort in der Liebigstraße ist geblieben, es gibt Angebote für Schulen, die Universität, für Kindergärten, für Mädchen und Jungen, für Eltern betroffener Kinder, für Fachkräfte, für erwachsene Betroffene. Weitere Projekte sind in Planung: im Bereich der Prävention für Schulen und Kindergärten, oder - als Reaktion auf Corona - im Bereich der Online-Beratung und der Online-Fortbildung.

Zu erreichen ist die Wildwasser-Beratungsstelle unter Tel. 06 41/76545, und zwar montags, donnerstags und freitags von 9 bis 11 Uhr, mittwochs von 14.30 bis 16.30 Uhr.

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