Corina und Julia Moos wollen ihr Übergewicht loswerden. Dabei helfen ihnen die Fachleute vom Adipositaszentrum PD Dr. Thilo Sprenger, Dr. Annette Hausenschild und Prof. Andreas Schäffler. 	FOTO: SCHEPP
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Corina und Julia Moos wollen ihr Übergewicht loswerden. Dabei helfen ihnen die Fachleute vom Adipositaszentrum PD Dr. Thilo Sprenger, Dr. Annette Hausenschild und Prof. Andreas Schäffler. FOTO: SCHEPP

Ganzheitlicher Ansatz

Hilfe in Gießen für stark übergewichtige Menschen

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Leichter und gesünder durchs Leben gehen - bei extremem Übergewicht kann eine Operation dazu ein entscheidender Schritt sein. Thilo Sprenger ist der neue leitende Chirurg am Adipositaszentrum des Uniklinikums Gießen. Überzeugt hat ihn der ganzheitliche Ansatz.

Wenn Freunde einen Spaziergang vorschlugen, haben Corina und Julia Moos oft Ausreden gefunden. »Jetzt nerven wir manchmal die anderen, weil wir dauernd rauswollen«, erzählen die Schwestern lachend. Für die Lollarerinnen »beginnt ein neues Leben«. Ende August haben sich beide im Gießener Uniklinikum einen Magen-Bypass legen lassen. Eine Operation sei bei starkem Übergewicht oft sinnvoll und »hat nichts mit mangelnder Disziplin zu tun«, betont Privatdozent Dr. Thilo Sprenger, der seit kurzem die Sektion Adipositaschirurgie an der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie leitet.

Nach 13 Jahren am Uniklinikum Göttingen habe ihn das ungewöhnliche ganzheitliche Konzept des universitären Adipositaszentrum Mittelhessen in Gießen überzeugt, erläutert der 41-Jährige im Pressegespräch. Es sei nicht alltäglich, dass die Fachleute, die Übergewicht behandeln, so eng verzahnt zusammenarbeiten.

Bei den Operationen gehe es nicht um »Fettabsaugen« oder Lifestyle, sondern um die Therapie einer gefährlichen Erkrankung mit fatalen Folgen. Diabetes, Fettleber oder Bluthochdruck verkürzten die Lebenserwartung und schränkten die Lebensqualität ein.

»Bei uns wird nicht nur der BMI« - der Body-Mass-Index - »bestimmt und dann operiert«, bekräftigt Prof. Andreas Schäffler, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III. »Wir gehen möglichen Ursachen für das Übergewicht auf den Grund«; hormonellen oder genetischen ebenso wie psychischen.

Den Patientinnen und Patienten stünden mehrere Therapiesäulen offen. Das Einüben eines neuen Lebensstils mit gesünderer Ernährung und mehr Bewegung sei zentral. Auch die spezielle Strukturelle Formula-Diät oder einige Medikamente könten beim Abnehmen helfen.

Einer Studie zufolge kommen die Patienten mit einem Durchschnittsgewicht von 153 Kilogramm in das Zentrum und nehmen im Schnitt je 57 Kilo ab. Häufig gelinge es ihnen, ein gesünderes Gewicht auf Dauer zu halten, so Schäffler.

Die gängigsten Operationen sind die Magenverkleinerung oder der Magen-Bypass. Auch einige andere Möglichkeiten der »Umleitung« sowie ein Eingriff mit Roboterhilfe sind im Angebot. Die Krankenkassen zahlen den Eingriff nur bei einem hohen BMI von mindestens 40 oder - bei Begleiterkrankungen - 350. Berechnen lässt er sich so: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Metern zum Quadrat.

Die Betroffenen spürten die erleichternden Folgen fast sofort, sagt Sprenger. In manchen Fällen verschwinde der Diabetes innerhalb von Tagen; vor allem wenn er noch nicht lange bestand. Schädigungen an den Nieren oder Nerven könnten sich ebenfalls verbessern - und vor allem die Freude am Leben.

Aktiver werden mit dem Parkplatz-Trick

Das bestätigen die Schwestern aus vollem Herzen. »Wir können die Operation nur empfehlen.« Schon wenige Wochen danach fällt es ihnen leichter, Treppen zu steigen oder in die Knie zu gehen. »Hunger hat man nicht. Das hätte ich mir viel schlimmer vorgestellt«, sagt die 42-jährige Corina Moos. Julia Moos, 33, blickt kritisch zurück auf Zeiten, in denen Fastfood und spätabendliches Essen Alltag waren. Früher hat sie getanzt, beide Frauen waren vielfältig aktiv. »Jetzt wollen wir uns das alles zurückholen.« Die Familie unterstütze sie, »und unser Bekanntenkreis zieht den Hut«.

Das ist nicht immer so, weiß die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Annette Hauenschild. »Wir haben schon Ehescheidungen erlebt, weil der Partner nicht mitziehen wollte.« Neid komme vor. Und in seltenen Fällen entwickelt der Patient durch den Gewichtsverlust eine Depression, etwa weil der Speck unbewusst als eine Art Schutzschicht diente. Bei jeglicher Krise hilft das Adipositaszentrum. »Wir bieten eine lebenslange Nachsorge.«

Was hilft im Alltag, um erst gar nicht zu dick zu werden? Mehr alltägliche Bewegung schon im Kleinen. Ein Schrittzähler kann hilfreich sein oder ein Hund, mit dem man täglich mehrmals Gassi gehen muss. Oder dieser simple Trick: Auf dem Großmarkt den Parkplatz in der äußersten Ecke nehmen und dadurch den Fußweg verlängern.

Unverbindliche Infos

An jedem ersten Donnerstag im Monat können Interessierte das Adipositaszentrum beim Infonachmittag unverbindlich kennenlernen. Beginn ist um 17 Uhr. Wegen Corona ist derzeit die Zahl der Plätze ist begrenzt, und eine Voranmeldung ist nötig unter Tel. 0641/985-42758 oder per E-Mail: adipositaszentrum@ innere.med.uni-giessen.de.

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