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Logopäde Gernot Wiederhold mit zwei Jugendlichen. Das Vorlesen von Texten ist ein Teil der Therapie.

Sozialdienst Katholischer Frauen

Hilfe für stotternde Jugendliche in Gießen

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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In einer Wohngruppe begleiten Therapeuten Jugendliche, die stottern. Eine Beobachtung der Experten: Die Stigmatisierung ist längst nicht mehr so gravierend wie früher.

Guten Tag. Haben Sie diese Schuhe auch in Größe 43? In einem Geschäft diese Frage zu stellen, kann eine Riesensache sein. Dann nämlich, wenn der Fragende Stotterer ist und befürchtet, die Sätze nicht flüssig sprechen zu können. »Da hilft nur eines: üben, üben, üben«, sagt der Logopäde Gernot Wiederhold. Aber nicht von null auf hundert, sondern mit einer schrittweisen Annäherung an »Mutproben« wie die im Schuhgeschäft. Ein solches Umwelttraining im Rahmen der Therapie erfolgt erst, wenn der Schüler bzw. die Schülerin im geschützten Raum der Schule und der Wohngruppe solche Dialoge immer wieder ausprobiert hat.

Wiederhold und seine Kollegen im Sprachheil- und Förderzentrum des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SkF) unterstützen Kinder und Jugendliche mit besonderem Förder- bedarf. Sprachstörungen können ein Teil davon sein. Ein Team aus Logo-, Ergo- und Psychotherapeuten sowie Pädagogen ist für sie da. Ziel der Einrichtung ist es, die Jugendlichen während ihres meist mehrjährigen Aufenthaltes fit zu machen für das Leben mit all seinen schönen, aber auch herausfordernden Seiten. »Wir packen gemeinsam einen Rucksack, in dem sich das nötige Rüstzeug befindet«, sagt Peter Kraus, der Leiter des Förderzentrums. Die wichtigsten Bausteine dazu sind der Aufbau von Vertrauen, Zutrauen zu sich selbst und die Erkenntnis, dass das Leben Freude machen kann - auch mit einem Handicap.

Hänseleien und Ausgrenzungen

Früher waren Hänseleien und Ausgrenzungen für Stotterer normal, doch zum Glück habe sich hier vieles zum Guten gewendet. »In der Gesellschaft wird es viel eher akzeptiert, dass einer nicht so ist wie alle anderen«, sagt Wiederhold. Stottern könne zu einer kindlichen Entwicklungsphase gehören, im Alter von drei oder vier Jahren sei dies meist kein Grund zur Beunruhigung. Wenn es sich nicht verliert, sondern manifestiert, sollten die Eltern professionelle Hilfe in Anspruch nahmen.

Ursache des Stotterns nicht geklärt

Die Ursache für das Stottern, so der Logopäde, sei nicht vollständig geklärt, man gehe aber davon aus, dass es neurophysiologische Gründe habe. Faserbahnen der linken Gehirnhälfte seien schwächer entwickelt als üblich. Auch die genetische Veranlagung spiele eine Rolle. Stottern sei keine psychische Erkrankung, aber sicher beeinflussten psychische Faktoren die Ausprägung. Je mehr Ängste der Betroffene entwickle und je mehr er sich unter Druck fühle, desto wahrscheinlicher sei, dass sich das Stottern verstärke. Es entstehe, so Kraus, ein Teufelskreis aus Angst und Vermeidung sowie aus Anstrengung und Frustration. Für die Kinder sei es daher häufig hilfreich, aus dem bisherigen familiären Umfeld in einen neuen Kreis zu kommen. In der Wohngruppe könne es zum einen ohne Vorbelastungen einen Neustart wagen, zum anderen mache es die Erfahrung, dass es Kinder gebe, die ebenfalls Probleme hätten, weil sie »irgendwie anders« als die anderen seien. Letztlich führe ein langer Prozess mit vielen Erkenntnissen zum Erfolg, verdeutlichen die Experten. Zum einen trage das Sprechtraining sowie das Erlernen diverser Strategien dazu bei, dass die Kinder sicherer würden. Zum anderen gehöre aber auch die Akzeptanz der Sprechstörung dazu. »Es kann sein, dass ich in manchen Situationen stottere - na und?«. Ziel der Helfer im Sprach- und Förderzentrum ist es, die ihnen anvertrauten Menschen zu starken Persönlichkeiten zu machen, die ihren Weg im Leben gehen. Der Anspruch an die Gesellschaft ist dabei, Verschiedenartigkeit als Normalzustand zu begreifen: Ob jemand im Rollstuhl sitzt, blind ist oder stottert - jeder gehört dazu. »Das ist Inklusion«, erinnert Kraus.

Auch Joe Biden stotterte

Joe Biden hatte als Kind schreckliche Angst vor dem sprechen. Irgendwann begann er zu üben: Er stellte sich vor den Spiegel und sagte Gedichte auf. Er übte, übte, übte. Erst vor einem kleinen Kreis, irgendwann war es egal, wie viele Menschen zuhörten. Egal war es auch, wenn er mal hängen blieb und stotterte.

Den Schülern im Sprachheilzentrum ist der alte Mann im weißen Haus sehr fern. Aber dennoch ist er einer von ihnen. Denn die Botschaft ist: Das Stottern definiert nicht, wer du bist. Wer das verinnerlicht hat, kann vor der Klasse sprechen oder sogar vor der Weltöffentlichkeit. Und Schuhe kaufen kann er sowieso.

Zuhause auf Zeit

Das Sprachheil- und Förderzentrum in der Adolph-Kolping-Straße ist Teil des AGNES Fördernetzwerkes des SkF (Sozialdienst katholischer Frauen). Hier finden 40 Kinder und Jugendliche mit Förder- und Unterstützungsbedarf ein Zuhause auf Zeit. Die benachbarte Agnes-Neuhaus-Schule (80 Plätze) ist eine staatlich anerkannte Förderschule mit dem Schwerpunkt Kranke und Sprachheilförderung.

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