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Anika Kühn freut sich auf das neue Projekt.

Projekt "Rückenwind"

Hilfe für Familien bei Krebserkrankung

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Bei einer Krebserkankung gerät die Welt aus den Fugen. Dann fällt es auch schwer, auch für die Kinder da zu sein. Stefan und Anika Kühn wollen mit dem Projekt "Rückenwind" andere unterstützen.

Wie war das, als die Mama alle Haare verloren hat? Für eine krebskranke Frau ist der Verlust der Haare während einer Chemotherapie schwer zu verkraften, er ist ein sichtbares Zeichen für die Krankheit. Wie nehmen kleine Kinder die Veränderung wahr? Selbst wenn sie eine Glatze gar nicht so bemerkenswert finden, so spüren sie doch, dass die Mama anders ist als früher. Als Anika Kühn 2017 die Chemotherapie durchlief, hat ihr Mann Stefan ihr den Kopf rasiert - und der vierjährige Jonathan hat assistiert. Das Ehepaar hat sein Kind einbezogen so gut es ging und versucht, es dabei weder zu überfordern noch außen vor zu lassen. Die Situation haben sie ganz gut hinbekommen. Aber längst nicht alles lief problemlos.

"Mindestens 50 Prozent meiner Energie war weg", erinnert sich die 42-Jährige. Damals hätte sie sich manchmal Unterstützung gewünscht - von Frauen, die schon einmal in derselben Situation waren. Dabei ist es keineswegs so, dass die Familie isoliert war und keine Hilfe von außen bekam. Im Gegenteil. Verwandte, Freunde und Menschen aus der Kirchengemeinde waren für sie da. Dennoch war der Alltag manchmal schwierig zu organisieren, und unmöglich war es, fröhlich und unbeschwert mit dem Kind Dinge zu tun, die Kinder nun mal lieben: Spielen, Quatsch machen, Ausflüge unternehmen. Das Leben lief reduzierter.

Vor diesem Hintergrund kam das Ehepaar Kühn auf die Idee, ein neues Projekt auf die Beine zu stellen. Die beiden haben ein Konzept erarbeitet, das aus mehreren Bausteinen besteht: Zum einen soll es ein Besuchsangebot durch ehemals Betroffene geben. Ziel ist es, den Erkrankten - und ihren Partnern - Mut und Hoffnung zu machen. Nach Erfahrung von Anika Kühn ist es eine große Hilfe, Zuspruch von Menschen zu erfahren, die selbst durch dieses tiefe Tal gegangen sind.

Ein weiterer Mosaikstein ist die Vermittlung hauswirtschaftlicher Hilfe. Diese wird für Familien mit Kindern zu einem Teil durch die Krankenkasse finanziert, das Problem ist derzeit, dass es auf dem Markt keine entsprechenden Hilfskräfte gibt.

Kühns wissen das aus eigener Erfahrung, denn sie sind seit Jahren in einem anderen sozialen Bereich beruflich tätig: Stefan Kühn ist Koordinator der Demenz-Wohngemeinschaften in Rödgen und der Villa Lichtblick in Heuchelheim. Diese wurde von der Stiftung "invitatio" initiiert. Stiftungsgründerin ist die Mutter von Anika Kühn, Carmencita Hartwig.

Beim Einsatz der ehrenamtlichen Helfer im Projekt "Rückenwind" ist vieles denkbar: Fahrdienste, Kinderbetreuung, Gespräche, Alltagshilfen - diese Details werden nach den individuellen Bedürfnissen der Familien einerseits und den Fähigkeiten und Wünschen der Ehrenamtlichen andererseits erarbeitet. Eine weitere Säule des Konzepts sind Profis. Kühns wünschen sich Sozial- bzw. Kinder- und Jugendtherapeuten und/oder Psychologen, die auf Honorarbasis im Projekt mitarbeiten. Durch erlebnispädagogische Aktionen soll den Kindern ein Teil ihrer Last genommen werden, gleichzeitig haben sie die Möglichkeit, mit jemandem "von außen" über ihre Sorgen zu sprechen. Die Initiatoren sind derzeit dabei, Kontakte zu den Trägern bestehender Hilfen zu knüpfen. Sie verstehen sich als konstruktive Ergänzung dazu. Im Herbst wollen sie mit ihrer Arbeit beginnen.

Mit ihrer Energie und Zeit geht Annika Kühn heute anders um, denn nichts ist wie früher. Die 42-Jährige stellt sich heute andere Fragen. "Was ist wirklich wichtig in meinem Leben?". Für sie ist die Antwort klar. Zeit mit Kind und Mann zu verbringen geht immer vor. Sie definiert Lebensqualität anders als vor vier Jahren.

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