Wort zum Sonntag

Um Hilfe bitten dürfen

  • vonRedaktion
    schließen

Mein Bruder hilft gerne. Jedem, der ihn fragt. Und oft auch anderen. Nachbarn, Bekannten. Der Familie erst recht. Und er hilft nicht nur privat. Er hat das Helfen zu seinem Beruf gemacht. Er ist Arzt und oft auch als Notarzt unterwegs. Und er ist glücklich, wenn er helfen kann.

Vor drei Wochen rief er an und erzählte, dass meine Nichte positiv auf Corona getestet wurde. Die ganze Familie musste in Quarantäne. Zwei Wochen lang zu Hause bleiben. Jetzt musste mein Bruder selbst um Hilfe bitten: Wer geht einkaufen? Wer kann den Hund ausführen? Wer kümmert sich um die Schwiegereltern? Sein Fazit am Telefon: "Du, das ist gar nicht leicht, wenn man selbst nichts mehr machen kann - da fühlt man sich richtig hilflos. Andere Leute zu bitten, manchmal nur wegen einer Kleinigkeit, das ist echt schwer. Das geht nur bei denen, die ich wirklich gut kenne."

Das Coronavirus hat inzwischen schon viele Menschen in diese Lage gebracht. Sie müssen um Hilfe bitten. Und das fällt ihnen schwer.

Erinnern Sie sich noch an die erste Welle der Pandemie? So viele Menschen erklärten sich bereit, für andere einkaufen zu gehen und sonstige Hilfsdienste zu übernehmen. Aber: Sie wurden nicht gebraucht. Kaum jemand wollte die Hilfe in Anspruch nehmen.

Der Totensonntag morgen erinnert uns: Es gibt Momente im Leben, da können wir nicht mehr. Wir müssen uns helfen lassen. Etwa am Ende unseres Lebens. Angesichts des Todes sind unsere Möglichkeiten zu Ende. Und durch den Tod hindurch kommen wir erst recht nicht aus eigener Kraft. Das geht nur mit Hilfe. Mit Gottes Hilfe.

Gut, dass wir ihn bitten dürfen. Und seine Hilfe annehmen können. Es tut uns gut!

Pfarrer Andreas Specht

Stellvertretender Dekan

Ev. Dekanat Gießen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare