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Wo vormittags noch ein Auto mitten auf dem Hof steht, gibt es nachmittags in der Ludwigstraße wie geplant "Rock’n'Trödel".

WG-Flohmarkt

Hier wird Trödeln zum Event

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Es gibt Dachterrassen-Shopping, eine Eichhörnchenhöhle und Acro-Yoga. Der neunte Gießener WG-Flohmarkt hat mit seinen 38 Stationen so manche Überraschung zu bieten.

Der ganze Spaß beginnt mit einem herrenlosen Auto. Und mit zwölf Leuten, die nicht zögern, sondern anpacken. Dank ihres Einsatzes feiern etliche Besucher am Samstag in einem Hinterhof in der Ludwigstraße eine stimmungsvolle Party. Wo nachmittags wenige Kleiderständer und viel Livemusik zum Verweilen beim neunten Gießener WG-Flohmarkt animieren, stand morgens noch ein blauer Ford Fiesta. Mitten im Hof. Jetzt steht der Wagen fein säuberlich in der Ecke - zur Seite getragen von zwölf Kraftpaketen, wie Tanya Kaur und Theresa Günther mit einer Mischung aus Stolz und Fassungslosigkeit berichten. Um die Heldentat für die Nachwelt zu dokumentieren, haben die Freundinnen ein Handyvideo gemacht. Warum sie nicht den Abschleppdienst gerufen haben? Den müsse man selbst bezahlen, wenn sich das zu entfernende Fahrzeug auf einem Privatgrundstück befinde und den Straßenverkehr nicht störe, erklärt Günther. 216 Euro. Eine stolze Summe, gerade für die Betreiber eines Flohmarktstandes. Doch Ende gut, alles gut: "Rock’n‘Trödel" hat ausreichend Platz - und zählt garantiert zu den bestbesuchten der 38 Stationen.

Waschtipps und Muffins

Drei Stockwerke weiter oben ködert Stephanie Benz, ganz die geschäftstüchtige BWLerin, ihre Kundschaft mit Brownies und Muffins. "Dachterrassen-Shopping" nennt sie das. Die Verkaufsfläche ist eher klein, das Angebot relativ groß. Kleidung, Schuhe, Taschen - stammt alles aus dem Besitz der Verkäuferin. Nein, Benz hat jetzt keinen leeren Kleiderschrank: "Ich gebe zu viel Geld für Klamotten aus, die ich nicht anziehe." Während sie plaudert, verteilt sie Waschtipps für Unentschlossene und Muffins, sobald jemand zum Handeln ansetzen will. Die Musik unten im Hof und die Sonne oben auf dem Dach locken außerdem immer wieder Terrassentouristen an. Ohne jede Kaufabsicht machen die es sich mit Weinflasche und Gläsern hier oben gemütlich, sagt Benz.

Anderer Ort, gleiches Thema: Gemütlichkeit herrscht auch bei Anne Schreiber, Rhea Psarros und Thomas Brenkmann in der Hessenstraße. Ihre "Eichhörnchenhöhle" liegt, wie sich das für Eichhörnchenhöhlen vermutlich gehört, ein bisschen versteckt. Die WG der drei ist ziemlich neu, erzählen sie, und der Flohmarkt habe zur Einweihung des Gartens dienen sollen. Wo einst Rasen wuchs, zeugt nun plattgetretenes Grün vom Andrang. Alle Überbleibsel aus den Umzugskartons sind dennoch nicht verkauft. Bei Eiskaffee und Acro-Yoga interessiert das aber nur am Rande. Zumal Schreiber ein "Winnie-the-Pooh"-Buch mit Fell schon an den Mann gebracht hat - das heißt in diesem Fall: an eine andere Hausbewohnerin.

Katharina Langsdorf, Lara Dilly und Co. sammeln in der Lessingstraße derweil für einen guten Zweck. An ihrer Station "Aus Alt mach Neu" zwischen all den Kleiderständern zu essen und zu trinken, nützt dem Projekt "Menschen, Tore, Vielfalt" des MTV (Trinken) und der Aktion "Kühe für Moldawien" (Essen). Sollte Letzteres nicht auf Anhieb verständlich sein, helfen ergänzende Informationen gleich neben dem Büfett. "Eine Kuh oder eine Ziege verändert die Lage einer armen Familie unmittelbar und langfristig", erfährt man dort.

Wie gefragt Giraffenmuster in Mantelform sein können, bezeugt wenig später ein Verkäufer in der Ludwigstraße. Als er seinen Stand beim "Flohmarkt in der Fabelwald-WG" aufbaut, scheint das Fundstück - Einkaufspreis acht Euro - noch schier unvermittelbar. Gut zwei Stunden später kann sich Paul ein Grinsen nicht verkneifen. "War ungefähr als erstes Teil verkauft", ruft er durch das abtanzende Partyvolk um ihn herum. Für zwölf Euro. So ist das beim WG-Flohmarkt: Es geht in erster Linie um Geselligkeit - und dann natürlich um Spaß, notfalls auch in Form eines Giraffenmustermantels.

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