Jugendfarm

Hier soll eine Jugendfarm für Gießen entstehen

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Bolzplatz, Freilichtbühne, Streuobstwiese, Feuerstelle, Bienenstöcke, Freiluftwerkstatt, Hühnerställe und mehr: Auf 17 000 Quadratmetern in Gießen soll eine "Kinder- und Jugendfarm" entstehen.

Über den Hügel im Osten lugt das Evangelische Krankenhaus, gegenüber rauchen die Schunk-Schornsteine. Im Süden sind Taunus-Züge erkennbar, im Norden Dünsberg, Vetzberg, Gleiberg. Auf dem weiten Gelände um die historische Backstein-Halle stehen knorrige Bäume und verwilderte Hecken. Eine eigentümliche Mischung aus Natur und Industrie prägt die Stimmung auf der Hardt oberhalb des Neubaugebiets im Steinbruch bei Heuchelheim. Den ehemaligen Bauhof der Firma Ludwig Schneider will die Gesellschaft für Integration, Jugend und Berufsbildung (IJB) zur "Kinder- und Jugendfarm" umgestalten. Die ersten Gruppen sollen dort im Frühjahr toben. Eine Öffnung für private Interessenten ist wohl frühestens in einem Jahr in Sicht.

Bolzplatz, Freilichtbühne, Streuobstwiese, Feuerstelle, Bienenstöcke, Freiluftwerkstatt, Hühnerställe, Kletterturm und, und, und. Die Ideen sprudeln nur so, während der IJB-Geschäftsführer Rüdiger Harz-Bornwasser sowie Gärtnermeister und Ausbilder Thomas Höke die Reporter herumführen. 17 000 Quadratmeter Grundstücke beflügeln das Träumen.

Die Umsetzung hat Zeit. Es könne leicht zehn Jahre dauern, bis alles Gestalt angenommen hat, sagt Höke gut gelaunt. Ständige Weiterentwicklung und Offenheit für Anregungen von außen gehörten ohnehin zum Konzept, ergänzt Harz-Bornwasser. "Wir stellen die Hardware zur Verfügung. Was dann passiert, wird sich zeigen."

Kauf ist vorgesehen

Ausgangspunkt des Projekts war ein Ärgernis. Der Bildungsträger sollte nach dem Willen des Eigentümers mehr Pacht bezahlen für die Übungsfläche der Landschaftsgärtner-Azubis an der Grünberger Straße 140. Die IJB sah sich nach einer Alternative um und wurde vor gut einem Jahr im äußersten Westen des Stadtgebiets fündig. Vorgesehen ist der Kauf des Geländes, das über zehn Jahre brachgelegen hatte.

Über 20 Auszubildende im Alter zwischen 17 und 30 Jahren, die wegen sozialer Vermittlungshindernisse besondere Unterstützung benötigen, können hier praktische Kenntnisse erwerben und die eigene Kreativität entdecken. "Viele sagen erst einmal: Mir fällt nichts ein. Dann merken sie, was in ihnen steckt", berichtet Höke. Oberstes Gebot ist Nachhaltigkeit: Die Hinterlassenschaften des ehemaligen Bauhofs, vom Betonbauteil bis zum Holzstapel, werden möglichst wiederverwendet. Alte Obstsorten sollen ebenso eine Heimat finden wie Insekten und Vögel.

Erhalten werden soll auch die 75 mal 20 Meter große Halle – "ein Sahnestück", strahlt Höke. Darin steckt Gießener Nachkriegsgeschichte, schildert Harz-Bornwasser: Trümmer aus der zerbombten Innenstadt kamen mit einer Lorenbahn auf die Hardt. Hier wurden Backsteine freigeklopft und für den Wiederaufbau zurücktransportiert. Aus Resten dieser Trümmer entstand die Halle. "Die Mauern bestehen aus unterschiedlichen Steinen, manche sind 200 Jahre alt."

Azubis entdecken ihre Kreativität

Die Größe und die Atmosphäre des Grundstücks brachten die Verantwortlichen auf die Idee, "etwas anzulegen, von dem viele profitieren", erläutert Harz-Bornwasser. Eine Jugendfarm unter dem Arbeitstitel "Hardtgärten" passt zum Ziel, benachteiligte junge Menschen zu fördern. Schon in den Osterferien sollen die ersten Jugendgruppen aus der Gemeinwesenarbeit mit ihren Pädagogen hier werken, spielen oder gärtnern. Es folgt ein Angebot für Schulklassen. Für einzelne Kinder und Jugendliche oder Familien fehlt es zunächst noch an Betreuern.

Auch für größere Tierbestände bräuchte man zuverlässige ehrenamtliche Helfer. Bienen, die nicht ganz so engmaschige Versorgung brauchen, sollen den Anfang machen (siehe Kasten). Die Helfer und Unterstützer werden sich möglicherweise in einer Agenda-Gruppe organisieren; das wäre weniger aufwendig als ein Trägerverein. Interesse an der Mitnutzung angemeldet haben einige Gruppen. So planen Urban-Gardening-Aktive, die wegen des großen Zulaufs im Stadtpark Wieseckaue an Grenzen stoßen, den "mehrstöckigen" Anbau von Obst und Gemüse – vom Beet bis zum Baum.

Die IJB – 1985 als "Initiative für Jugendberufsbildung der sozialen Brennpunkte" gegründet – ist neben ZAUG und Jugendwerkstatt einer der traditionsreichen gemeinnützigen Bildungsträger in Gießen mit derzeit 38 Azubis. Sie qualifiziert junge Menschen einerseits im Garten- und Landschaftsbau, andererseits im Verkauf im Café und den Second-Hand-Läden an der Nordanlage sowie an der Walltorstraße.

Info

Gesucht: Imker, Kabel, Bäume

Die ersten "Jugendfarmen" – Abenteuerspielplätze, oft mit Tieren – entstanden in den 1970er Jahren in Baden-Württemberg. In und um Stuttgart befinden sich bis heute die meisten der bundesweit 150 Farmen. Rund um Frankfurt sind einige ansässig, in Mittelhessen keine einzige. Die Anlaufphase in Gießen haben Spender ermöglicht. Weiterhin freut sich die IJB über Unterstützung in Form von Geld- und Sachspenden sowie ehrenamtlichen Arbeitsstunden. Gebraucht werden zum Beispiel Imker, die bei der Ansiedlung von Bienenvölkern helfen; Stromkabel; Handwerker, die sie verlegen; Bäume und Pflanzensamen ab der nächsten Saison; Gartengeräte und Werkzeug. Wer helfen will, kann sich an die IJB wenden unter Tel. 06 41/96 983-0, Internet: www.ijb-giessen.de.

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