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Liefern ein gelungenes Konzert ab: Colenton Freeman (r.) mit seinem Projektchor.

Hier Lebensfreude, da Sklavenlied

  • VonBarbara Czernek
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Gießen (bac). »Spirituals und Gospelmusik haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede, es sind aber zwei verschiedene Musikrichtungen.« Mit dieser Feststellung räumte Moderator Rainer Hustedt gleich zu Beginn des Abends »African-american Spirituals vs. Gospelmusik« mit dem weitverbreiteten Vorurteil auf, dass Spirituals und Gospel eigentlich das Gleiche seien.

Wie Recht er hatte, das bewiesen Colenton Freeman und sein eigens dafür zusammengestellter Projektchor.

Entsprechend dieser Unterscheidung war das Konzert geteilt: Der erste Teil war den Spirituals vorbehalten, der zweite den Gospels gewidmet. Spirituals, so der Moderator, basieren immer auf biblischen Texten und sind die Volkslieder der versklavten Bevölkerung Amerikas. Sie entstanden auf den Baumwollfeldern der Südstaaten und beinhalten immer ein Rufen und eine Antwort. Zudem konnten in ihnen geheime Botschaften der versklavten Bevölkerung versteckt sein. Ursprünglich wurden sie immer a cappella gesungen. Dieser historischen Entwicklung folgte der Aufbau des Konzerts. Nach dem Start mit zwei sehr traditionellen Spirituals fokussierte sich das Konzert auf Solodarbietungen einzelner Lieder, die von Ensemblemitgliedern mit sehr viel Engagement vorgetragen wurden. Auch die Spirituals entwickelten sich weiter, wurden für den europäischen Geschmack und für die Konzertsäle bearbeitet. So entstanden einige der bekanntesten Lieder wie »Go Down Moses« oder »He’s Got the Whole World in His Hands«, die auch am Sonntag nicht fehlen durften. Allerdings sei es dadurch auch zu einer Vermischung der einzelnen Gattungen gekommen, vermutete Freeman. Und Freeman wäre nicht Freeman, wenn er die einzelnen Unterschiede und Vermischungen nicht auch anhand eines Songs demonstriert hätte: Kein Lied war dafür besser geeignet als »Swing Low, Sweet Chariot«, das von Anna-Lena Benner-Berns in drei Variationen interpretiert wurde.

Geheime Botschaften

Der gebürtige US-Amerikaner Colenton Freeman, ehemaliger Tenor, ist mittlerweile ein gefragter Musikpädagoge und leitete einen Workshop zu dem Thema »Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen afroamerikanischen Spirituals und Gospelmusik«. Die erfolgreichen Ergebnisse präsentierte er gemeinsam mit dem Chor am Sonntagabend im Stadttheater und würzte das Konzert mit eigenen Erfahrungen zu dem Thema Spirituals und Gospels. »Ich komme aus Atlanta und die ersten Gospels wurden dort ab 1961 eingeführt. Vorher kannte man sie nicht.« Und anfangs seien sie auch nicht sonderlich beliebt gewesen. Sie hätten jedoch ihren Weg gefunden. »Gospels sind im Norden der USA entstanden. Sie wurden von Geistlichen und Musikern komponiert«, erklärte der Moderator. Ein Lied und ein Name durfte daher an diesem Abend nicht fehlen: Thomas Dorsey. Er war Blues-Komponist und prägte den Begriff »Gospel« durch die Komposition des Lieds »Precious Lord, Take My Hand«. Auch in den Gospels spiegelt sich eine tiefe, religiöse Grundstimmung wider. »Sie sind gesungene Lebensfreude«, sagte Hustedt dazu. Das bewies das Ensemble mit Liedern wie »Oh Happy Day« oder »Can’t Nobody Do Me Like Jesus«, das alle im Saal mitriss und daher noch als Zusage erneut gesungen wurde.

Die anstrengende Probenarbeit wurde durch den rundum gelungenen Konzertabend belohnt. Dem vorausgegangen war eine präzise Vorbereitung durch Freeman, der die Solisten und das Ensemble stetig am Flügel oder am E-Piano begleitete. Ein gelungener Abend in Sachen Wissensbildung.

Die Mitwirkenden des Abends waren: Julia Armbrust, Anna-Lena Brenner-Berns, Emmelie Tessema, Denise Uzel (Sopran), Elke-Kürth-Landwehr, Anita Neubauer, Kerstin Nöske, Inga Saalmann (Alt), Gunther Ratz, Biniam Tessema, Wolfgang Weese (Tenor), Maximilan Schröder (Bariton), Erik Gratz, Johann Stiepe (Bass), sowie Rainer Hustedt (Moderation) und Colenton Freeman (Einstudierung und Begleitung).

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