Kapitäne an der Lahn

Heyligenstaedt-Chef Knöß ist ein Dauerbrenner

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Gerhold Knöß hat sich vom Lehrling zum Chef hochgearbeitet. Im GAZ-Gespräch verrät er, wie man es schafft, mit 77 Jahren noch immer an der Unternehmensspitze zu stehen.

Am 1. April 1955, nach dem Besuch der Handelsschule in Gießen, begann seine Karriere bei Heyligenstaedt. Dem damals 15-jährigen Lehrling wäre es allerdings nie in den Sinn gekommen, den Start in eine Ausbildung zum Industriekaufmann als Anfang einer "Karriere" zu bezeichnen. Immerhin war Gerhold Knöß stolz, bei dem weltbekannten Werkzeugmaschinenhersteller in Gießen gelandet zu sein. Und weil der junge Mann mit einem "unheimlichen Leistungswillen" ausgestattet und vielseitig interessiert war, folgte der ersten Ausbildung eine weitere zum Maschinenschlosser, die er mit einer Ausbildung zum staatlich geprüften Techniker verband. Dass Knöß mehr als 20 Jahre lang an der Spitze des Unternehmens stehen sollte, war allerdings damals und auch viele Jahre später nicht abzusehen.

Aus der Firma mit Weltruf und über 1600 Mitarbeitern war Mitte der 1980er Jahre nämlich ein Unternehmen in der Krise geworden. 1985 hatte Tong Il die Geschäfte des Werkzeugmaschinenproduzenten von R & C übernommen. Der koreanische Konzern war direkt mit der Mun-Sekte verbunden. Die wirtschaftliche Situation ging weiter in den Keller. Höhepunkt dieser Abwärtsentwicklung war die Insolvenz, die das Unternehmen zum 1.

April 1995, anmelden musste. Knöß, der an diesem Tag sein 40-jähriges Berufsjubiläum feierte, war damals Leiter der Serviceabteilung. Für ihn gab es zu jener Zeit zwei Möglichkeiten: Aufhören oder weitermachen. Der Ausstieg wäre kein Problem ge- wesen. "Ich hätte abschlagsfrei gehen können." Doch er entschied sich anders. "Ich wollte nicht, dass eine solche Weltfirma von der Bildfläche verschwindet", sagt Knöß heute in der Erinnerung an die damalige Krise mit einer energischen Geste. Dabei funkeln seine wachen Augen. Im Mai 1996 wurde aus der Firma Heyligenstaedt die Heyligenstaedt Werkzeugmaschinen GmbH. Geschäftsführer: Gerhold Knöß. Aus dem einstigen Vorzeigeunternehmen war nach dem "harten Zusammenbruch" ein Betrieb mit 130 Beschäftigten geworden. "Man muss schon ein bisschen verrückt sein, sich einer solchen Sache zu verschreiben", sagt er im Rückblick.

Die wichtigste Aufgabe bestand damals darin, verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen. "Unsere Kunden haben nicht bei Heyligenstaedt bestellt, sie haben bei Knöß bestellt", verdeutlicht der Firmenchef, dass er mit seinem Namen für Verlässlichkeit gebürgt hat. Seine Kontakte sowie die Tatsache, dass er jeden Winkel kennt, ("Ich habe hier schon alles gemacht: Vom Kaffeeholer bis zum Verkäufer von Großmaschinen") hätten dabei geholfen, langsam wieder Fuß zu fassen.

Obwohl es ihm gelungen ist, Heyligenstaedt wieder konkurrenzfähig zu machen, ist der Mann aus Queckborn stets bodenständig geblieben. Er fährt seit Jahren seinen alten BMW und macht sich nichts aus luxuriösen Ferienzielen. "Wenn man sich über 60 Jahre für eine Firma engagiert hat, treten andere Dinge in den Hintergrund." In seiner Freizeit schaut er sich die Heimspiele der Handballvereine aus Hüttenberg, Wetzlar oder Pohlheim an. Viel mehr Urlaub braucht er nicht.

Menschen die mit ihm zusammenarbeiten, haben eine hohe Meinung von Gerhold Knöß. "Er war damals von allen Beteiligten der entscheidende Mann. Ohne ihn gäbe es Heyligenstaedt in seiner heutigen Form nicht mehr, sagt Heinz Seibert. Der Rechtsanwalt trug in den 90ern gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter die Verantwortung für den Werkzeugmaschinenhersteller. Dass das Unternehmen seinerzeit langsam wieder in die Erfolgsspur zurückgekehrt ist, verbindet er vor allem mit dem Namen Knöß. Seibert erinnert sich an die hervorragenden Vertriebskontakte, an die akribische und zielstrebige Arbeit des Mannes mit "Ecken und Kanten" sowie an die Tatsache, dass Gerhold Knöß auch in kritischen Situationen "immer kühlen Kopf bewahrt" und das Ziel nie aus dem Blick verloren hat.

Aus dem insolventen Betrieb wurde 2001 wieder ein eigenständiges Unternehmen mit mittlerweile 180 Mitarbeitern und vollen Auftragsbüchern. Knöß hat es gemeinsam mit sehr kompetenten Mitarbeitern geschafft, dass Heyligenstaedt als einziger industrieller "Hochkaräter" im Südviertel wieder Fuß gefasst hat. Großen Namen wie Gail, Bänninger oder Kessler & Luch war das nicht vergönnt. Wie ihm das gelungen ist? Mit dem Gespür für die richtigen Akzente und Veränderungen.

Er forcierte zunächst die internationalen Geschäfte, setzte später aber die Schwerpunkte bei der Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie. So wurde ab 2011 gemeinsam mit VW eine Hochgeschwindigkeitsfräsmaschine entwickelt, die weltweit Maßstäbe gesetzt hat und für Heyligenstaedt eine Investition in die Zukunft war.

"Wir stellen uns gut auf, um leistungsfähig zu bleiben", sagt Knöß und berichtet mit Stolz von seinem "größten Steckenpferd": der Lehrlingsabteilung. Anfang des Jahres waren 31 Auszubildende bei Heyligenstaedt beschäftigt. Wenn es um das Know-how für seine Spezialmaschinen geht, vertraut der geschäftsführende Gesellschafter aus gutem Grund auf die eigene Stärke. Daraus zieht er auch die Energie für sein persönliches Leistungsvermögen. "Wenn ich etwas angepackt habe, dann habe ich es richtig gemacht oder gar nicht." Das galt sowohl für seine kommunalpolitischen Aktivitäten wie für die 23 Jahre im Vorstand des SV Queckborn – die Fußballspieler des Dorfvereins kickten damals in der Landesliga.

"Wenn man am Arbeiten ist, vergisst man die biologische Uhr", hat Knöß festgestellt. Dass diese Uhr trotzdem tickt, weiß der 77-Jährige aber auch. "Meine strapazierfähige Gesundheit ist ein Gottesgeschenk, aber ich wäre ein schlechter Chef, wenn ich mich nicht um einen Nachfolger kümmern würde." Den hat Gerhold Knöß bereits gefunden. Seit November 2016 ist der technische Leiter Michael Lauer zum Geschäftsführer aufgestiegen. "Er ist hochqualifiziert und passt menschlich perfekt zu Heyligenstaedt."

Der designierte Nachfolger hat es allerdings nicht eilig, den Firmenchef zu beerben. "Ich hoffe, dass alles noch möglichst lange parallel läuft", bekräftigt der 53-jährige Lauer und beschreibt Knöß als gradlinig, ehrlich, korrekt und gewissenhaft. "Er hat den absoluten Durchblick und er braucht keinen Computer, weil er die Dinge im Kopf hat." Zudem finde Knöß immer einen Weg, Probleme mit Kunden zu lösen – vielleicht auch deshalb, weil er sich nicht scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

"Das ist vielleicht nicht immer angenehm für den Verhandlungspartner, aber es ist der richtige Weg, um langfristig Erfolg zu haben", sagt Lauer und freut sich darauf, noch möglichst lange mit Knöß eine Doppelspitze zu bilden: "Heyligenstaedt ist sein Leben."

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