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Die Blätter der Seerose haben schon Architekten inspiriert.

Grüne Oase

Botanischer Garten in Gießen öffnet - „Vollkommen neues Erlebnis“

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Seit mehr als einem Jahr ist der Botanische Garten geschlossen. Heute um 15.30 Uhr endet diese Durststrecke. Für die Besucher gibt es viel zu sehen, zum Beispiel die neuen Gewächshäuser.

Gießen - Prof. Volker Wissemann steht am eisernen Tor in der Sonnenstraße. Der wissenschaftliche Leiter des Botanischen Gartens unterhält sich gerade mit zwei Handwerkern. Die Männer würden allzu gerne das grüne Kleinod im Herzen der Innenstadt besichtigen. Doch das geht nicht. Noch nicht. »Wir öffnen morgen um 15.30 Uhr«, sagt Wissemann. Mit dieser Nachricht dürfte er nicht nur die beiden Männer, sondern auch etliche Stadtbewohner erfreuen. Schließlich war der Garten ein Jahr lang geschlossen.

Viele Menschen waren traurig über die Schließung, manche sogar erbost darüber, dass die Justus-Liebig-Universität den Garten nicht schon früher geöffnet hat. Die Pflanzen selbst hingegen kümmert es nicht, ob sie bewundert werden oder nicht. Sie wachsen auch ohne Besucher. Und nicht nur die.

Botanischer Garten Gießen: Neues Gewächshausensemble steht

Wissemann, dem Anlass entsprechend in einem blumengemusterten Hemd gekleidet, biegt vom Eingang an der Sonnenstraße nach rechts auf den Schotterweg ab. Die Bäume spenden ausreichend Schatten, so dass der kleine Spaziergang auch bei Temperaturen um die 30 Grad erträglich bleibt. »Wir freuen uns alle, dass der Garten endlich wieder aufmacht«, sagt Wissemann und spricht von einem »vollkommen neuen Erlebnis«.

Was er damit meint, zeigt sich hinter der nächsten Kurve auf beeindruckende Weise. Der Weg endet auf dem Platz, wo in den vergangenen Jahren das neue Gewächshausensemble entstanden ist. Rechts steht das Palmenhaus, in dem Pflanzen überwintern und im Sommer Veranstaltungen stattfinden können. Auf der linken Seite ist der dreigeteilte Glas-Komplex zu finden, der Kakteen, tropische Gewächse sowie mediterrane Hartlaubgehölze beheimatet. »Und das«, sagt Wissemann mit Blick auf den runden Glaskorpus in der Mitte, »ist unser Highlight: das Victoriahaus.«

Prof. Wissemann sagt: „Wir freuen uns alle, dass der Garten endlich wieder aufmacht.“

Dass der Zutritt der Gewächshäuser wegen Corona noch verboten ist, dürften die Besucher verkraften können. Denn auch von außen ist die Amazonas-Riesenseerose mit ihren an riesige Kronkorken erinnernden Blättern gut zu sehen. »Die Knospe in der Mitte wird in den nächsten Tagen aufblühen«, sagt Wissemann und fügt an, dass der Aufbau der Blätter schon die Architekten des Glaspalastes inspiriert hat, der 1851 für die Londonder Weltausstellung gebaut und gut 80 Jahre später durch ein Feuer zerstört worden ist.

Botanischer Garten Gießen: Drei Hektar, über 7500 Pflanzenarten

Die Gewächshäuser mit der Seerose sind ein Highlight, aber längst nicht das einzige. Schließlich wachsen auf dem knapp drei Hektar großen Areal rund 7500 Pflanzenarten, von denen viele gerade ihre Blütenpracht zeigen. Zum Beispiel die in einer Hagebutten-Form angelegten Rosen oder die Gewächse im Sinne anregenden Blindengarten. Auch der historische Löwenbrunnen, für dessen Sanierung der Freundeskreis des Gartens gerade Spenden sammelt, ist einen Besuch wert. Das Gleiche gilt für das »Herz des botanischen Gartens«, wie Wissemann das sogenannte Pflanzensystem bezeichnet. Auf diesem Areal können die Studierenden die Pflanzensystematik lernen, die Evolution nachvollziehen und Gewäsche bestimmen. Man merkt, dass Wissemann dieser Aspekt am Herzen liegt. »Forschung und Lehre sind schließlich der Hauptzweck des Gartens.«

Trotzdem hat er nicht nur für die Forscher, sondern auch für Besucher einiges zu bieten. Zum Beispiel im Alpinum. Die Steinhaufen beherbergen eine unglaubliche Vielfalt an Pflanzen aus unterschiedlichen Gebirgen. Auf der einen Seite findet sich die Vegetation des Kaukasus, gegenüber blühen die Vertreter des Himalaya und gleich nebenan ist Edelweiß aus den Alpen zu finden.

Wissemann muss nur ein paar Schritte gehen, um zu einem seiner Lieblingsplätze zu gelangen. »Diese Buche ist nach dem Ginkgo der zweitälteste Baum im Garten«, sagt der Biologe bei seiner Ankunft am Teich im untersten Teil des Parks.

Im Botanischen Garten sind nicht nur die Pflanzen gewachsen.

Was viele nicht wissen: Hinter dem Wall auf der gegenüberliegenden Seite des Teichs führt ein Weg entlang, der in den 80er Jahren Treffpunkt der Drogenszene war. »Damals ritt die Polizei auf Pferden durch den Park«, erzählt Wissemann. Als das unliebsame Klientel vertrieben war, bepflanzten die Gärtner das Areal mit Farnen. »Wegen der vielen weggeworfenen Spritzen im Boden musste die Fläche zunächst mit zwei Metern Kompost aufgefüllt werden.

Im über 400 Jahre alten Garten gibt es nicht nur Pflanzen, sondern auch viele Geschichten zu entdecken. Ab heute steht das Kleinod den Gießenern wieder offen.

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