Eine Gießener Lehrerin kritisiert die Rahmenbedingungen, unter denen sie unterrichten muss.
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Eine Gießener Lehrerin kritisiert die Rahmenbedingungen, unter denen sie unterrichten muss.

Schulen und Unterricht in Hessen

Lehrerin aus Gießen mit anonymem Hilferuf: „Bricht mir das Herz“

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Schlechte Ausstattung, zu wenig Zeit für ihre Schüler, laufend am Limit: In einem mehrseitigen Hilferuf-Brief an die Redaktion klagt eine Lehrerin aus Gießen über die Unterrichts-Bedingungen.

  • Ein anonymes Schreiben von einer Lehrerin erreicht die Redaktion in Gießen.
  • Der Inhalt ist teilweise erschreckend, die Lehrerin aus Hessen setzt einen Hilferuf ab.
  • „Und dann wundern wir uns, wieso ein Kind irgendwann hinschmeißt“

Gießen - Es sind über vier beschriebene Din-A4-Seiten, die die junge Lehrerin per E-Mail an die Redaktion geschickt hat. Es handelt sich um einen Hilferuf: Die Frau, Anfang 30, schreibt: »Ich laufe am Limit und werde dennoch meinen Ansprüchen nicht gerecht.« Es geht um Arbeitsbedingungen, unter denen der Unterricht immer schwerer werde. Um eine mangelhafte Ausstattung. Und um den Vorwurf, Lehrer seien faul. »Ich würde gerne viel mehr pädagogisch qualifizierte Arbeit leisten und jedes Kind sinnvoll unterstützen, aber wann und wie? Ich kann mich nicht teilen.«

Das Schreiben der jungen Lehrerin ist anonym. Auch die Mailadresse ist für den Kontakt zur Redaktion neu angelegt worden: »Desperate teacher« - zu deutsch: verzweifelter Lehrer. Sie gibt an, an einer Gesamtschule zu arbeiten und dort unter anderem eine Klasse zu leiten. Und sie erklärt, wegen der Arbeitsbedingungen ihre Arbeitszeit reduzieren zu wollen - »und das mit Anfang 30«. Dann zählt sie einige Kollegen auf, denen es genauso geht. »Ist es nicht auffällig, dass so viele verdammt gut ausgebildete, engagierte Leute allen Alters es nicht schaffen, den Anforderungen gerecht zu werden und sich überlastet fühlen?«

Lehrerin aus Gießen: Klassen sind viel zu groß und Räume zu eng

Es ist ein Rundumschlag, zu dem die Lehrerin in ihrem Schreiben ansetzt. Zum Beispiel die Klassengrößen. In integrierten Gesamtschulen liegt die Höchstgrenze der fünften und sechsten Klasse bei 25 Schülern - darunter seien aber auch Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder ein Inklusionskind. Die Räume seien zu eng, um den Schülern Pausen oder Gruppenarbeit zu ermöglichen. Die mediale Ausstattung sei mies, oftmals bleibe nur der Frontalunterricht. Die Lehrerin rechnet vor, wie viel Zeit sie für jeden einzelnen Schüler in einer Schulstunde hat, um diesen individuell zu betreuen. Bei 25 Kindern in einer Klasse habe sie 60 Sekunden: »Das reicht dann exakt für eine Frage pro Stunde.« Und das sei nur im Idealfall möglich. Denn es brauche beispielsweise ein Jahr, bis eine Klasse sich gefunden habe, es nicht ständig zu Unterbrechungen oder Beleidigungen unter den Schülern im Unterricht komme.

Sie nennt Beispiele: Da wäre ein Kind, das nicht lesen und schreiben kann und trotzdem am Unterricht teilnimmt. Oder ein in Deutschland geborener Junge, der »massive sprachliche Rückstände im Vergleich zu den Altersgenossen« habe. Er bemühe sich, sei zuverlässig, habe Freunde gefunden, könne aber selbst kurze, einfache Texte nicht verstehen. »Es ist doch jetzt schon klar, dass dieses Kind trotz Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung und vorbeugenden Maßnahmen kaum eine Chance auf einen Abschluss hat«, schreibt sie. »Es zerbricht mir das Herz.«

Lehrerin aus Gießen: Lärmpegel an Schulen ist zu hoch

Die Lehrerin glaubt, dass sich die Unterrichtsbedingungen drastisch verändert hätten und die Erziehungsarbeit, Betreuung und das Unterrichten der Kinder immer anspruchsvoller werde. Umso mehr ärgert sie sich über das »Lehrerbashing«, das nicht nur anonym im Internet, sondern auch in ihrem privaten Umfeld betrieben werde. Sie habe weder viel frei, noch die Schulferien zur freien Verfügung: zahlreiche Vertretungen, Konferenzen, das Schreiben von Förderplänen, Elterngespräche, Korrekturen von Klassenarbeiten: Vieles erledige sie zuhause, weil dies in der Schule wegen des Lärmpegels - auch im Lehrerzimmer - nicht möglich sei.

All das sorge für eine anhaltende Frustration. »Da ich mit Menschen arbeite, deren Schicksal und Lebensweg mir absolut nicht egal ist, lässt mich der Tag kaum los«, schreibt die Lehrerin. Sie habe oft das Gefühl, sie hätte mehr tun müssen: »Ach, der Kalle hätte heute mal noch ein Lob gebraucht. Mist, der Kevin hätte eine größere Hilfestellung benötigt. Hoffentlich geben die beiden nicht auf« Es klingt desillusioniert, wenn sie sagt: »Und dann wundern wir uns, wieso ein Kind irgendwann hinschmeißt, die Schule meidet oder ausrastet. Oder belächeln gute Lehrer, die mit ihrer ach so großen Freizeit Burnout bekommen.«

Die Corona-Pandemie hat die Lage für Schüler und Lehrer teilweise noch weiter verschlechtert. Viele Eltern, Schüler und Lehrer fühlen sich von der Landesregierung schlecht informiert und alleingelassen.

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