Dank des Avatars kann Darius ohne Sorge vor einer Corona-Infektion am Unterricht teilnehmen.
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Dank des Avatars kann Darius ohne Sorge vor einer Corona-Infektion am Unterricht teilnehmen.

Stellvertreter

Schüler leidet an Muskeldystrophie: Roboter geht für ihn in Gießen in den Unterricht

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Wegen einer Krankheit ging ein Schüler wochenlang nicht zur Schule in Gießen ‒ aus Angst vor einer Corona-Infektion. Das soll sich jetzt ändern. Dank eines Roboters.

Gießen - Darius war seit November nicht mehr in der Ostschule. Heute ist also ein besonderer Tag für ihn. Zumal er nicht mit seinen Mitschülern, sondern mit einem halben Dutzend Lehrern im Klassenraum sitzt. »Hallo«, sagt Darius in die Runde, worauf die Lehrkräfte freudig winken. Denn in Wirklichkeit sitzt der 18-Jährige zu Hause in Langsdorf.

Persönlich in der Schule aufzutauchen wäre für den jungen Mann zu gefährlich. Darius leidet unter Muskeldystrophie und sitzt im Rollstuhl. Eine Infektion mit dem Coronavirus könnte verheerend für ihn sein. In die Schule hat er daher einen Stellvertreter geschickt, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Drähten und Platinen besteht.

AV1 heißt der Avatar, der fester Bestandteil der 12. Klasse der Gesamtschule Gießen Ost werden soll. Dabei handelt es sich um einen knapp 30 Zentimeter großen Roboter, der Bild und Ton aus dem Klassenzimmer zu Darius nach Hause überträgt. Per Tablet kann der Schüler den Kopf des Avatars um 360 Grad drehen, und wenn er sich »melden« will, leuchtet der Kopf des Roboters auf. Selbst einen traurigen oder fröhlichen Blick kann Darius dem Avatar verpassen und so in die Klasse schicken.

Roboter geht für Schüler in Gießen in den Unterricht

Zu verdanken hat Darius den Avatar seiner Klassenlehrerin Karin Lellek sowie Thekla Richter, die beim regionalen Beratungs- und Förderzentrum der Stadt Gießen die Inklusion an Schulen begleitet. »Darius war schon lange nicht mehr in der Schule aus Sorge, sich mit Corona zu infizieren«, sagt Lellek. Es sei aber offensichtlich gewesen, dass er mit der Situation nicht gut zurecht komme. »Und da Darius trotz seiner Erkrankung unerklärlicherweise in Gruppe 4 eingestuft ist, muss er auf seine Impfung noch warten. Daher haben wir überlegt, wie wir ihn anderweitig wieder einbinden können.«

Die Lösung lieferte ein Zeitungsbericht über einen an einer seltenen Krankheit leidenden Schüler in Friedberg, der dank des Avatars am Unterricht teilnehmen kann. Lellek setzte sich ans Telefon und landete bei Susann Schrödel. Ein Volltreffer.

Schrödel ist bei ACHSE aktiv, einer Organisation, die sich für Menschen mit seltenen chronischen Krankheiten einsetzt. »Solche Erkrankungen bedeuten oft einen jahrelangen Leidensweg. Durch die Therapiezeit verpassen Kinder viel Unterricht und müssen häufig Stufen wiederholen. Daraus erwächst soziale Isolation«, sagt Schrödel. Das Netzwerk ACHSE habe daher dank Spenden zehn Avatare des norwegischen Start-ups »No Isolation« angeschafft, um Schülern die Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen.

Roboter verhilft Schüler in Gießen zu Selbstständigkeit

Schrödel spricht in den höchsten Tönen von den Vorteilen der kleinen Roboter. Endlich könnten die Schüler wieder Zeit im Kreise ihrer Klassenkameraden verbringen. Dank des geringen Gewichts sei es sogar möglich, die elektronischen Stellvertreter auf den Pausenhof oder sogar auf Klassenfahrten mitzunehmen. Schrödels Augen leuchten regelrecht, wenn sie über die Avatare spricht. Kein Wunder: Der Friedberger Schüler aus dem Zeitungsbericht ist ihr Sohn. »Bei ihm sorgt der Avatar für Selbstständigkeit, Eigenbestimmtheit und einfach Teilhabe am Leben.«

Nach der Kontaktaufnahme wurde schnell klar, dass Darius eines der knapp 4500 Euro teuren Geräte bekommen kann. Und das, ohne dafür zu bezahlen. »ACHSE stellt die Avatare allen Familien kostenlos zur Verfügung«, betont Schrödel. Die Frauen besuchten Darius daraufhin zu Hause und ließen den Avatar für ein paar Tage zum Kennenlernen da. Jetzt steht er, verziert mit einem Aufkleber von Darius’ Lieblingsmannschaft, in der Ostschule und wartet auf seinen Einsatz.

Gießen: Durch Roboter aktiv am Unterricht teilnehmen

Ein weißes Licht blinkt auf, langsam beginnt sich der Kopf zu drehen. Beim Testlauf, durch den auch die Lehrer mit dem System vertraut gemacht werden sollen, stellt Darius seinen Stellvertreter vor. Schulleiter Frank Reuber ist begeistert: »Die Möglichkeit, interaktiv am Unterricht teilnehmen zu können, sorgt für Motivation. Oft tauchen Schüler in solchen Situationen ab. Durch den Avatar können wir sie wieder an die Oberfläche holen.« Und auch Darius selbst ist ziemlich angetan von seinem Avatar. »Das Handling ist relativ einfach«, versichert er auf Nachfrage des Schulleiters und fügt hinzu: »Für mich ist es eine große Erleichterung, endlich wieder am Unterricht teilnehmen zu können, ohne Angst zu haben, mich zu infizieren.«

Zum Abschluss führt er noch einige Funktionen des Roboters vor. Der Kopfhaltung des Avatars nach zu urteilen, dürfte Darius auch keine Schwierigkeiten haben, im Notfall vom Blatt seines Nachbarn zu spicken. Bleibt zu hoffen, dass die Überflieger nicht allzu weit von ihm entfernt sitzen: Eine Zoom-Funktion hat der Avatar nämlich nicht. (Christoph Hoffmann)

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