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Bei akuten Beschwerden sollte umgehend ein Arzt verständigt werden - auch in der Pandemie. Foto: Adobe Stock

Herzinfarkte machen keine Pause

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In der Pandemie trauen sich viele Menschen offenbar nicht zum Arzt. Herzinfarkte beispielsweise werden seltener erkannt und behandelt. Der Herzchirurg Andreas Böning und der Kardiologe Christian Hamm schildern, worauf Patienten mit Herz-und Kreislauferkrankungen achten sollten.

Herzpatienten haben ein erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu erkranken. Warum?

Aus den bisherigen Daten ist bekannt, dass besonders bei Patienten mit Vorerkrankung des Herz-Kreislauf-Systems bei einer Infektion schwere Verlaufsformen zu erwarten sind. Dies ist unter anderem gut damit zu erklären, dass eine schwere Lungenentzündung von Patienten mit eingeschränkter Herzfunktion weniger gut toleriert wird.

Es gibt Spekulationen, wonach Blutdrucksenker wie ACE-Hemmer und Sartane Coronavirus-Infektionen begünstigen. Sollten Herzpatienten die Medikamente absetzen?

Das wäre sicher falsch. Es gibt hierzu keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise bei Patienten, sondern nur experimentelle Vermutungen. Danach könnte theoretisch die Gabe dieser Medikamente das Eindringen der Covid--19-Viren in die Zelle begünstigen. Andererseits haben diese Medikamente aber auch einen schützenden Effekt auf das Lungengewebe. Auf jeden Fall ist das eigenmächtige Absetzen von Medikamenten, die gegen hohen Blutdruck und Herzinsuffizienz helfen, natürlich für die Grunderkrankung am Herzen schlecht. Deswegen sollten diese Medikamente weiter eingenommen werden.

Weiß man denn, welchen Einfluss entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen und ASS auf die Gefahr einer Covid-19-Infektion tatsächlich haben?

Im Augenblick kursieren sehr viele Gerüchte über den heilenden oder schädigenden Einfluss verschiedener Medikamente auf den Verlauf der Covid-19-Infektion. Alle diese Gerüchte sind nicht gesichert durch verlässliche Studien, beruhen auf Einzelfallberichten oder rückblickenden, ungeprüften Untersuchungen und reichen deswegen nicht für eine verlässliche Empfehlung aus.

Und wenn der Patient sich aufgrund der unterschiedlichen Informationen unwohl fühlt mit der bisherigen Medikation?

Wenn der Wunsch nach Medikamentenumstellung besteht, sollte das mit dem Hausarzt oder dem Kardiologen besprochen werden.

Was können Herzpatienten selbst tun, um sich zu schützen?

Hier gelten die gleichen Regeln wie für die Allgemeinbevölkerung: Abstand halten, Kontakte meiden, Hände waschen und desinfizieren.

Ist eine Grippeschutz- und Pneumokokken-Impfung sinnvoll?

Diese Impfungen sind in jedem Fall sinnvoll und wurden auch schon vor der Corona-Pandemie für Herzpatienten empfohlen. Natürlich wirken die Impfungen nicht gegen Covid-19, aber sie reduzieren das Risiko, an einer der anderen Arten von Lungeninfektionen zu erkranken, die häufig auch einen tödlichen Verlauf nehmen können.

Planbare Operationen werden derzeit verschoben. Gilt das auch für Herznotfälle bzw. Herzoperationen?

Bei Symptomen, die das Herz betreffen, sollte unbedingt der Arzt aufgesucht werden bzw. der Notarzt verständigt werden. Zum Beispiel bei Verdacht auf einen Herzinfarkt. Es ist ja nicht so, dass die anderen Erkrankungen Pause machen, weil die Covid-19-Pandemie läuft.

Trauen sich denn Patienten jetzt seltener, den Arzt aufzusuchen?

Tatsächlich sehen wir eine Abnahme der Zahl akuter Herzinfarkte, was wir eher darauf zurückführen, dass die Menschen sich nicht trauen, mit diesen Beschwerden das Gesundheitssystem zu belasten, als darauf, dass es wirklich weniger Infarkte gibt.

Wie sieht es mit dem Verschieben von OPs aus?

Auch das Verschieben einer Herzoperation oder anderer Eingriffe am Herzen für mehrere Monate, um Intensivbetten freizuhalten, kann das Risiko erhöhen, in diesem Zeitraum zu einem Herz-Notfall zu werden; deswegen werden zurzeit nur Herzoperationen verschoben, wenn das den Patienten voraussichtlich nicht gefährdet. Andererseits haben wir am Universitätsklinikum Gießen und Marburg derzeit so viel neue Bettenkapazität im Intensivbereich geschaffen und Personal herangezogen, dass wir voraussichtlich auch alle an Corona erkrankten Patienten auf höchstem Niveau versorgen können.

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