Gleich zweimal in zwei Tagen landete eine Frau aus Mücke im Frühjahr 2016 in der Notaufnahme - und wurde weder in Gießen noch in Lich angemessen behandelt.
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Gleich zweimal in zwei Tagen landete eine Frau aus Mücke im Frühjahr 2016 in der Notaufnahme - und wurde weder in Gießen noch in Lich angemessen behandelt.

Kliniken

Herzinfarkt mit heftigen Folgen: Albtraum für 51-Jährige bei Gießen - Hat Arzt Vorzeichen nicht erkannt?

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Mit einem Herzinfarkt stundenlang unbehandelt in der Notaufnahme liegen: Dieser Albtraum einer 51-Jährigen kam die Asklepios-Klinik Lich teuer zu stehen. 42 000 Euro Schmerzensgeld erstritt die Mückerin vor Gericht. Muss das Gießener Uniklinikum einen Teil davon zahlen? Jedenfalls hat ein Arzt dort geschludert.

Brennen in der Brust, ein taubes Gefühl im linken Arm, Übelkeit, »ich habe keine Luft bekommen«. Mit diesen typischen Herzinfarkt-Symptomen kam eine 51-Jährige aus Mücke im Mai 2016 in die Notaufnahme der Asklepios-Klinik - und wurde lange nicht behandelt. Erst nach über drei Stunden kümmerte sich ein Arzt um sie. Heute ist die gelernte Einzelhandelskauffrau Frührentnerin. Ihren Haushalt kann sie nur noch stark eingeschränkt führen, im Garten arbeiten gar nicht mehr. Hätten Mediziner am Uniklinikum Gießen schon tags zuvor Vorboten des Infarkts erkennen müssen? Um diese Frage dreht sich jetzt ein Zivilverfahren am Landgericht Gießen.

In einem ersten Prozess verklagte die Patientin das Krankenhaus in Lich. Im November 2019 endete dieses Verfahren mit einem Vergleich. Ein Schmerzensgeld in Höhe von 42 000 Euro erhielt die heute 56-Jährige von Asklepios.

Nun fordert das Krankenhaus - auch wenn der Konzern mittlerweile dabei ist, das Universitätsklinikum Gießen und Marburg zu übernehmen - die Hälfte dieser Summe vom UKGM. Denn am Tag vor dem Infarkt war die Mückerin in der Notaufnahme in Gießen eingeliefert worden.

»Ganz, ganz schlimme Rückenschmerzen« hatte sie an jenem Mittwoch, schilderte die Frau der Vorsitzenden Richterin Beate Bremer. »Es hat sich angefühlt, als würde mir jemand auf den Schultern stehen.« Nur im Liegen seien die Beschwerden auszuhalten gewesen. Ihr Lebensgefährte holte den Notarzt, der ließ sie nach Gießen bringen. Und zwar in die Orthopädie. Denn die Patientin ging davon aus, dass die Ursache in der Wirbelsäule lag. Schließlich hatte sie »schon immer Rückenprobleme« und seit einer Bandscheibenoperation 2009 eine Titanplatte im Halsbereich.

Der Facharzt hörte sich das an und ließ sie röntgen. Auf dem Bild sei nichts zu sehen, sagte er und schickte sie nach Hause - mit Tropfen gegen die Schmerzen und der Empfehlung, am nächsten Tag zum Hausarzt zu gehen und sich zum Orthopäden überweisen zu lassen. Dem Rat folgte die Frau, bevor sie am frühen Abend Beschwerden bekam, die »ganz anders« waren. Weil sie vom Vortag erzählte, wurde sie im Krankenhaus in Lich fälschlicherweise als orthopädischer Fall und daher weniger dringlich eingestuft.

Herzinfarkt: Rückenschmerzen als Vorbote?

Waren die Rückenschmerzen ein erster Hinweis auf den Infarkt? Dies konnte der medizinische Sachverständige Dr. Gerhard Cieslinski - Internist und Kardiologe aus Neu-Isenburg - nicht sicher beantworten. Ein anderer Gutachter hatte die Daten für den ersten Prozess ausgewertet. Demnach geschah der Infarkt am Donnerstag gegen 17 Uhr, also gut einen Tag nach dem Aufenthalt am UKGM. »Möglich« wäre es indes, dass die Rückenschmerzen ein Vorbote waren, zumal gerade Frauen oft atypische Herzinfarkt-Symptome zeigten, sagte Cieslinski. Gerade weil das Röntgenbild unauffällig war, hätte der Arzt andere Ursachen erwägen sollen.

Auf jeden Fall habe der Orthopäde bei der Anamnese »grobe Fehler« begangen, erklärte der Sachverständige auf Nachfragen des Asklepios-Anwalts Dr. Max Middendorf. Laut der Patientin untersuchte er sie nicht, beispielsweise auf Reflexe oder Schmerzen bei bestimmten Bewegungen. Auch Blut wurde nicht abgenommen. Er fragte nicht nach Herz oder Kreislauf. Ansonsten hätte er erfahren, dass die Mückerin 2015 nach einem nächtlichen Ohnmachtsanfall eine Woche lang im Gießener Klinikum durchgecheckt wurde. Freilich fanden die Mediziner damals keinerlei Hinweise auf Herzprobleme.

Der behandelnde Orthopäde scheint »verschollen«, sagte Bremer. Er ist nicht mehr in Gießen tätig und den Ladungen als Zeuge zu beiden Verhandlungen nicht gefolgt. Deshalb lässt sich auch nicht klären, warum es in den Akten kaum Dokumente über die Untersuchung der Frau gibt. Sind sie einer Software-Umstellung im Jahr 2018 zum Opfer gefallen, wie die UKGM-Anwältin Dr. Beatrice Herud anführte? Die Patientin erklärte jedenfalls, sie habe nie einen Arztbrief erhalten. Cieslinski fasste das schludrige Verhalten des Orthopäden so zusammen: »Für einen Facharzt schlechterdings unverständlich.«

Ob sie dem beantragten »Gesamtschuldnerausgleich« zustimmt, will Bremer am 22. Oktober verkünden. Sie deutete bereits an, dass eine hälftige Teilung des Schmerzensgelds nicht angemessen sei. Schließlich gehe es im Kern um die lange Wartezeit nach dem Infarkt. Sie brachte die Summe von 5000 Euro ins Spiel. Die hatte das UKGM beim Vergleich im ersten Verfahren angeboten - allerdings nur, »um einen weiteren Rechtsstreit zu vermeiden«, unterstrich Herud. Middendorf wiederum bezeichnete 5000 Euro als zu wenig. Eine gütliche Einigung kam damit nicht zustande.

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