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TAM Herring ist eine Stoffheilerin

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Von: Karola Schepp

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TAM Herring ist Meisterin des Upcycling. Sie heilt nicht nur Jeans, sondern ist auch Gießens nachhaltige Maßschneiderin.

Die Hitze steht an diesem Sommertag im Obergeschoss der Weidengasse 3. Die Praktikantin lässt die Nähmaschine leise surren und an den Garderobenstangen hängt Kleidung zur Änderung bereit. Wo früher Schneiderinnen des Stadttheaters saßen, hat sich »Jeans Healerin« TAM Herring seit April ihr kleines Reich eingerichtet.

Schon seit fünf Jahren ist sie als selbstständige Änderungs- und Maßschneiderin, die großen Wert auf Nachhaltigkeit legt, in Gießen bekannt. Sie hat im »Rugstore« oder bei »Madame Ching« Bekleidung ausgebessert, umgenäht oder durch Upcycling zu etwas ganz Besonderem gemacht. Nun hat sie sich, neben ihrem Job als Aushilfsschneiderin im Stadttheater, ihr eigenes Atelier aufgebaut – im dritten Stock des Kreativhauses, in dem auch die Freeschool oder die Theaterwissenschaftler Untermieter sind.

Eigene Kollektion »tamed«

»Wenn die Leute bis in den dritten Stock zu ihnen kommen, dann müssen sie wirklich gut sein«, habe eine Kundin kürzlich gemeint, erzählt Herring. Und offenbar sehen das viele so, denn die quirlige TAM hat dank Empfehlung ihrer Kunden gut zu tun. Erst kürzlich hat sie das Brautkleid von Stadttheatertänzerin Caitleen-Rae Crook auf Maß gebracht und viele Stunden mit der anspruchsvollen Seide gekämpft. Und schon hängt wieder das nächste Brautkleid zur Änderung bereit. Die unzureichend angenähten Knöpfe ersetzt Herring durch einen sicheren Hakenverschluss – »schließlich soll sich die Braut ohne Furcht bewegen können.« Am durchsichtigen Ausschnitt aus Gaze verdeckt sie mit Spitze einen filigranen Abnäher.

Aus den vorhandenen Ressourcen etwas Sinnvolles machen und Kleidung eher reparieren und umnähen als entsorgen – das ist Herrings Anliegen. »Diese Fast Fashion gibt es ja eigentlich erst seit 20 Jahren. In meiner Jugend war es noch ganz normal, dass Kleidung geflickt oder umgenäht wurde.« Doch wenn ein T-Shirt nur einen Spottpreis kostet, dann lässt man es eben nicht mehr flicken. TAM Herring ärgert sich darüber. Sie sagt: »Kleider sind meine besten Freunde«. Ihr geht es als »Jeans Healerin« und mit ihrer eigenen Kollektion »tamed« aber auch darum, dass das traditionsreiche Schneiderhandwerk an sich geachtet wird.

Schneidern auf Maß

Die gebürtige Frankfurterin hat, nach ein paar Semestern Germanistik, Religionswissenschaften und Ethnologie, das Schneidern zum Beruf gemacht. 2003 folgte der Abschluss als Damenschneiderin, inzwischen ist sie auch zertifizierte Ausbilderin für Änderungsschneiderei. 80 Prozent ihrer Kundschaft seien männlich sagt sie, denn »Männer tragen ihre Lieblingssachen länger. Sie gehen nicht so gerne shoppen und sind keine Fashionvictims. In fast jeder Jungs-WG liegt mein Flyer aus«. Bei den Maßanfertigungen liegen hingegen die Frauen weit vorn.

Kundschaft schneidert TAM nicht nur auf den Leib, sondern sie überrascht auch mit fantasievollem Upcycling. So näht sie aus alten Jeans mit buntem Stoff verzierte Röcke, verwandelt Hosenbeine zu hübschen Beuteltaschen oder macht aus einem Leinenhängerchen ein schickes Kleid im Sixties-Stil. Was dabei alles entsteht, zeigen TAM und einige ihrer Kunden regelmäßig auf kreativen Modenschauen mit hohem Unterhaltungsfaktor. Aber eigentlich arbeite sie lieber als »Dienstleister, als in die eigene Kreativität zu gehen. Ich mag es, wenn Kunden mit einem konkreten Anliegen kommen.« So wie jener Kunde, der sich ein originalgetreues Winnetou-Kostüm aus Alcantara hat schneidern lassen, um damit auf einer »Winnetou«-Convention für Furore zu sorgen. (Foto: Schepp)

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