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Anette Daugardt und Uwe Neumann aus Berlin bieten im Ulenspiegel sehr gute Unterhaltung.

Ein herausragendes Erlebnis

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Gießen (bf). Ein Krimi ist George Orwells "1984" nicht direkt. Doch was Anette Daugardt und Uwe Neumann vom Kanttheater in Berlin am Mittwoch in ihrer Lesung im Ulenspiegel daraus szenisch machten, kann hinsichtlich Spannung und brutaler Aufregung mit den Besten des kriminellen Genres mithalten. Da brauchte gar kein Blut zu fließen und niemand zu sterben. Kurz gesagt war es ein herausragendes Erlebnis.

Kaum hatten die beiden Gäste und Theatermacher mit ihrer Lesung begonnen, trat eine Art Stille ein, die man bald darauf als äußerst intensiv erkennen konnte: Hochspannung. Als Hilfsmittel wurde für die stets siegestrunkenen Durchsagen aus den öffentlichen Lautsprechern im Terrorstaat eine Posaune benutzt, ganz sparsam, aber sehr prägnant. Und allein die Einleitung in das Leben in diesem "Ozeanien", wo in jeder Wohnung ein "Televisor" nimmermüde über korrektes Verhalten der Untertanen wacht, war bedrückend.

Winston Smith ist sich nicht sicher, wie alt er ist, 57 vielleicht? In Ozeanien weiß man nie. Smith arbeitet im 300 Meter hohen Ministerium für Wahrheit, dem größten und wichtigsten aller Ministerien. Daneben gibt’s noch die Ministerien für Frieden, Überfluss und Liebe, institutionalisierte Lügen. Allein diese Skizze der absurden, menschenfeindlichen dystopischen Szenerie bereitet Unbehagen, dem Zuhörer schwant Böses - besonders, wenn er sich noch ans Buch erinnert. Sein Tagebuch, gekauft in einem Antiquariat, muss Winston vor dem Televisor verbergen: fixe Erinnerungen sind verboten, der Staat aktualisiert sie ständig in allen Medien. Schon hier, in den ersten Minuten, spürt man, wie ein deutliches Unbehagen von einem Besitz ergreift: einfach schauerlich, diese Vision. Daugardt und Neumann verleihen der Sache mit ihrem sehr präzisen, körperlichen Vortrag noch mehr Durchschlagskraft.

Der Einzelne hat keine Chance

Es gab auch eine Zeit vor dem "Großen Bruder", las Neumann, aber daran kann sich kaum jemand erinnern, und der Staat trommelt abweichende Ideen und Erinnerungen mit seinen ständig wiederholten Botschaften tot. Unablässig wird in allen Medien eliminiert, was die Bürger zum selbstständigen Handeln verführen und ein individuelles, gar kritisches Nachdenken in der "Altsprache" ("zu viele unnütze Gedankenschattierungen") ermöglichen könnte. "Gedankenverbrechen" nennt man das bei Orwell.

Daugardt und Neumann fischten einige der schrecklichsten Aspekte aus Orwells Roman, die die allumfassende Bedrückung des Lesers ausmachen und zeichneten so ein fast vollständiges Bild des totalen Staates, in dem der Einzelne keine Chance hat, zu entkommen. Nur die verachteten "Proles", die einfachen Werktätigen, die kein aufrührerisches Potenzial zu besitzen scheinen, bleiben unbehelligt ("Tiere und Proles sind frei"). Winston findet in Julia eine verwandte Seele, die seine aufrührerischen Gedanken teilt. Aber alles kommt heraus, der Staat ergreift Besitz von Winston, ganz konkret brutal, auf der Bühne des Ulenspiegels. Im Ministerium für Liebe wird er verhört, gefoltert und seiner Würde beraubt. Die vollkommene Skrupellosigkeit, der maßlose Hunger nach Macht und eine Kultur, die auf Hass, Misstrauen und Verrat gründet, entsteht vor dem geistigen Auge. Und es kommt einem so mancher Gedanke zur aktuellen Politik.

Nachdem sie die Tortur der geistigen Neuformatierung überstanden haben, treffen Julia und Winston einander noch mal. Aber sie bekommen kaum ein Gespräch zustande, zu gering ist ihr Antrieb inzwischen, teilnahmslos tapern sie durch ihr Leben, ihr geplantes Rendezvous ist reine Formsache. Denn diese beiden Menschen bestehen im Grunde nur noch aus ihrer Hülle - der Inhalt wurde ausgetauscht. Jetzt sind sie frei. Daugardt und Neumann erhielten für ihre exzellente Vorstellung anhaltenden, sehr intensiven Beifall.

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