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Henning Mächerle ist Hobbyimker, ohnehin spielen Natur und Ressourcenschonung eine große Rolle für ihn.

Wahl am 26. September

Bundestagswahl-Kandidat Henning Mächerle (DKP): Er träumt vom Kommunismus

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Henning Mächerle ist der Direktkandidat der DKP für die Bundestagswahl. Der 53-jährige Gießener macht keinen Hehl daraus, dass er den Kapitalismus liebend gerne gegen den Kommunismus eintauschen würde.

Gießen – Henning Mächerle sitzt in der Paprika-Bar hinter dem Bahnhof und trinkt einen Kaffee. Über dem schwarzen T-Shirt trägt er eine olivfarbene Jacke. Fehlt nur noch der Intifadaschal, und man könnte den 53-Jährigen als Revoluzzer abstempeln. Doch auch wenn Mächerle als Direktkandidat der Deutschen Kommunistischen Partei für den Bundestag kandidiert, wäre dieser meist despektierlich verwendete Begriff zu kurz gegriffen. Mächerle ist höflich und eloquent, seine Forderungen sind keine plakativen Parolen, sondern mit Fakten und historischen Bezügen versehen.

Mächerle ist im Süden von Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Sein Vater war Vertreter, die Mutter Hausfrau. Mächerles Heimat hat bei seiner politischen Prägung eine entscheidende Rolle gespielt, wie er sagt. »Ich komme aus der Nähe von Karlsruhe. Dort gab es früher das Atomforschungszentrum.« Die Anti-AKW-Bewegung sei daher ein großes Thema gewesen, zumal die Jugend von Mächerle in die 80er Jahre fiel. Und so kam es auch, dass er anfangs den Grünen beitrat.

Bundestagswahl in Gießen: Henning Mächerle will für die DKP nach Berlin

1990 besuchte Mächerle Verwandte in New York. »Das war ein Schock«, sagt er und meint damit den krassen Gegensatz zwischen enormem Reichtum und abgrundtiefer Armut. Mächerle erinnert sich zum Beispiel an einen Besuch einer medizinischen Station in der Bronx, wo es an allem gefehlt habe. Oder an die Menschen, die unter Brücken geschlafen haben und die Schuld ihrer Misere immer nur bei sich selbst gesucht hätten. Da sei ihm klar geworden, dass er in eine kommunistische Partei eintreten wolle. »Als Kontrapunkt zu dem aus allen Fugen geratenen Kapitalismus«, wie er sagt. Und so wurde Mächerle 1991 Mitglied der DKP.

Zu diesem Zeitpunkt wohnte er bereits in Gießen. Das Studium der Politikwissenschaften, Soziologie und Psychologie hatte ihn hierher verschlagen. Abgeschlossen hat er das Studium nicht, stattdessen absolvierte er eine Ausbildung und verdient seither sein Geld als Fachinformatiker.

Bis heute ist der 53-Jährige der Auffassung, der Kommunismus sei die bessere Staatsform als der Kapitalismus. Er muss sich nur umschauen, um Belege für seine Überzeugung zu finden. Das Krankenhaus zum Beispiel. Mächerle ist der Überzeugung, dass die Privatisierung der Uniklinik ein Fehler war. Während seiner Zivildienstzeit sei das Krankenhaus personell weitaus besser ausgestattet gewesen als heute.

Bundestagswahl in Gießen: „Es ist vernünftig, dass man eine Wirtschaft plant“

Ähnlich blickt Mächerle auf den Wohnungsmarkt. Nur eine staatliche Regulierung führe zu genügend bezahlbarem Wohnraum. Erst wenn ein ausreichend großes Angebot vorhanden sei, könnten Mechanismen wie Mietpreisbremsen funktionieren, glaubt er. »Man muss etwas in die Waagschale werfen, um den Markt beeinflussen zu können.«

Man merkt schnell, dass Mächerle ein Faible für Politik und Geschichte hat. Seien es die Kolonialzeit, der Kalte Krieg, der Zerfall der Sowjetunion, der Krieg in Syrien oder die aktuelle Afghanistan-Problematik: Mächerle kennt nicht nur Hintergründe, er kann aus allen Krisen auch Gründe für seine politische Überzeugung ableiten. »Für mich ist es keine Frage: Es ist vernünftig, dass man eine Wirtschaft plant. Auf einem endlichen Planeten kannst du kein Wirtschaftssystem fahren lassen, das auf Unendlichkeit ausgelegt ist.« Zudem müssten die Menschen in politische Entscheidungen stärker eingebunden werden. »Das repräsentative System hat einen eklatanten Nachteil: Je länger es dauert, desto distanzierter werden die Menschen.«

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Gießener Bundestagswahl-Kandidat: DKP von Henning Mächerle ist umstritten

Die DKP ist umstritten. Sie gilt als linksextremistisch und wird deshalb vom Verfassungsschutz beobachtet. Die DKP war der SED eng verbunden und wird für ihre Nähe zur DDR noch heute kritisiert. »Ich hatte keine Liebesbeziehung zur DDR«, sagt Mächerle. Das Konzept einer »gebrauchswertorientierten Ökonomie« halte er aber heute noch für sinnvoll. »Es reicht doch, wenn es eine gute Zahnpasta und eine gute Zahnbürste gibt. Ich brauche nicht 20, die alle produziert werden müssen und Ressourcen verschleudern.« Eine kollektiv organisierte Mobilität und das Auto als Luxusgut halte er ebenfalls für eine vernünftige Lösung. Die Mauer? War notwendig, meint Mächerle, sonst wären die kostenlos ausgebildeten Fachkräfte ausgewandert, die DDR ausgeblutet. Der Gießener will aber auch nicht alles gutheißen. Er glaubt zum Beispiel, dass eine Reisefreiheit möglich gewesen wäre, die Bespitzelung bezeichnet er zudem als »großen Humbug« und eine Ressourcenverschwendung.

Politik ist die große Leidenschaft in Mächerles Leben, daran besteht kein Zweifel. Sie ist aber nicht die einzige. Der 53-Jährige ist Hobbyimker und kümmert sich auf einem Waldstück um einige Bienenvölker. Vielleicht nicht nur des Honigs wegen, sondern auch der vielen Arbeiter-Bienen. Schließlich sind sie es, die den Staat zusammenhalten.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 24.08.2021.

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