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Helmut Appel vor seinem Elternhaus. Auch wenn der Gießener oft als Gesicht der Nordstadt wahrgenommen wird, ist er ein Kind der Innenstadt. Foto: Schepp

Mensch, Gießen

Helmut Appel: Konsum und Kommunismus

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Sein Herz ist rot, sein Trikot blau-weiß, und seine Freizeit verbringt er am liebsten im Grünen. Helmut Appel ist in Gießen bekannt wie ein bunter Hund. Ein Porträt.

Wer in seiner Jugend kein Kommunist war, hat kein Herz - wer es im Alter noch immer ist, hat keinen Verstand. Dieser Spruch fällt häufig, wenn über den politischen (Lebens)Wandel von Menschen gesprochen wird. Meist kommt er aus dem Mund von Älteren, die ihre jugendlichen Ideale längst über Bord geworfen haben. Doch es ist nicht in Stein gemeißelt, dass sich eine linke Einstellung mit den Jahren in eine konservative wandeln muss.

Helmut Appel beispielsweise ist als 22-Jähriger der Deutschen Kommunistischen Partei beigetreten. Heute ist er, auch wenn man es ihm nicht ansieht, 69 Jahre alt - und noch immer Mitglied der DKP. "Ich sehe zwar manche Dinge anders als meine Parteikollegen. Generell bin ich aber auch heute noch von der Idee überzeugt. Man muss für eine gerechtere Welt kämpfen." Das hat Appel den Großteil seines Lebens auch getan.

Appel sitzt an diesem Vormittag im Türmchen und trinkt einen Kaffee. Hier, zwischen Walltorstraße und Markplatz, ist er häufig anzutreffen. Bis vor einem Jahr war er Stammkunde in der Bierbörse. "Dort gab es den besten Kaffee der ganzen Stadt", beteuert Appel, der aber auch kein Hehl daraus macht, bei Wirtin Zdenka Cramer gerne mal ein Bierchen getrunken zu haben. Als die Kultkneipe schließen musste, fand er im nahe gelegenen Quantum Trost. In den Wintermonaten trinkt er hier jeden Morgen seinen Kaffee. Im Gewerkschaftshaus ging er früher ebenfalls ein und aus. Die Verbundenheit zu dieser Ecke geht aber noch viel weiter zurück. "Da vorne", sagt Appel und zeigt mit dem Finger in Richtung Brandplatz. "Da vorne bin ich aufgewachsen."

Appels Vater war Installateur, seine Mutter Kindergärtnerin. Sie übte ihren Beruf aber nicht lange aus, da sie zu Hause genug Kindergarten hatte. Appel hat fünf Geschwister, und für die Jungs und Mädchen war das Areal rund um den Brandplatz ein idealer Spielplatz. "Damals, in den 50er Jahren, lag hier alles noch in Trümmern. Das war ein großes Abenteuer für uns."

Am Brandplatz aufgewachsen

Der Brandplatz sollte auch später zentraler Ort für Appels Freizeitgestaltung bleiben. 1974 eröffnete gegenüber seines Elternhauses das Jugendzentrum. "Es war das größte selbstverwaltete in der ganzen Bundesrepublik", erzählt Appel. Fortan trafen sich hier die politischen Jugendgruppen der Stadt. Auch die Gewerkschaft hielt am Brandplatz ihre Treffen ab. Gleiches galt für die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend SDAJ, die Appel mitgegründet hatte. "Mit meiner Musikgruppe sind wir ebenfalls regelmäßig aufgetreten", sagt der Gießener. Während sich die politischen Gruppierungen im Versammlungssaal die Köpfe heißredeten, gab es in der Discothek und dem Tagescafé ein kühles Blondes. Der Mann hinter der Theke war einer der wenigen, der etwas Ordentliches gelernt hatte und deshalb für den Getränkeverkauf zuständig war, sagt Appel. Dann lächelt er: "Das war ich."

Die Schule war nicht die ruhmreichste Zeit im Leben des Gießeners. Als er das zweite Mal sitzen geblieben war, reichte es seinem Vater. "Er hat gesagt, ich soll etwas Vernünftiges lernen." Und so wurde Appel Einzelhandelskaufmann. Sein Ausbildungsbetrieb: Die Supermarktfiliale "Konsum" in der Grünberger Straße. Und es lief gut, auf der Berufsschule heimste er plötzlich Bestnoten ein. Doch dann die Hiobsbotschaft: "Konsum" stand vor der Pleite.

Appel ist 1967 der Gewerkschaft beigetreten. Es sollte eine lange Karriere werden, das Sprungbrett war jedoch ein Abend im Gewerkschaftshaus. Es ging um die "Konsum"-Schließung und was aus den Mitarbeitern werden sollte. Appel gefiel nicht, was er an dem Abend hörte. Also schnappte er sich das Mikro. "Es war eine flammende Rede", erinnert sich Appel, "ich habe viel Beifall erhalten."

Nach dem Aus der Konsumgenossenschaft fand Appel eine Anstellung beim HL-Supermarkt, der später von Rewe übernommen wurde. Er arbeitete unter anderem als stellvertretender Marktleiter in der Marktstraße. Appel gründete den ersten Betriebsrat bei HL und war auch später viele Jahre Vorsitzender des Gremiums. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten übernahm er etliche weitere Führungsaufgaben. Noch heute steht unter einigen wegweisenden Betriebsvereinbarungen seine Unterschrift.

Linkes politisches Weltbild

Appel sagt von sich, sehr harmoniebedürftig zu sein. Er sagt aber auch: "Wenn mich jemand ärgert, haue ich zu." Nicht mit den Fäusten, aber verbal. Appel hat sich stets geärgert, wenn sich Unternehmen nicht an Vereinbarungen oder Tarifbestimmungen gehalten haben. "Ich habe etliche Prozesse gegen Betriebe geführt und fast alle gewonnen."

Appels linke Ader hat Ende der 60er Jahre zu pochen begonnen. Notstandsgesetze, Vietnamkrieg, und dann der eigene Chef, der die Azubis am Wochenende sein Auto waschen ließ. Also ging er auf die Straße. Appel lacht: "Wir sind oben durch die Ami-Siedlung gelaufen und haben ›Hey, hey, LBJ, how many Kids have you killed this day?‹ gesungen."

Seither ist viel passiert. Appel hat ein ganzes Berufsleben hinter sich. Er ist Vater zweier erwachsener Kinder. Statt auf die Straße geht er heute in seinen Schrebergarten, beim Kleingartenverein "Lahnknie" ist er zweiter Vorsitzender. Auch bei den Fußballern von Blau-Weiß ist er schon seit Ewigkeiten Mitglied. Das klingt alles ziemlich bürgerlich - und trotzdem hat sich Appels politisches Weltbild in all den Jahren nicht geändert.

Noch heute vertritt er die Meinung, dass der Wohlstand auf der Welt viel zu ungerecht verteilt ist. Dabei geht es ihm aber nicht darum, selbst mehr vom Kuchen abbekommen zu wollen. "Auf materielle Dinge habe ich nie Wert gelegt. Ich wohne mit meiner Freundin in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Ich komme damit gut zurecht. Ich bin immer ein einfacher Mensch geblieben." Sein erstes Auto hat sich Appel erst vor wenigen Jahren gekauft. Es ist ein bescheidener Kleinwagen. "Mein Seelenheil hängt nicht an einem dicken Schlitten. In den Kofferraum meines Ford Fiesta passen acht Kisten Bier für meinen Gartenverein. Das reicht."

Viele Alt-Linke tragen eine gewisse Verbissenheit in sich. Als ob der Klassenkampf zu ernst sei, um das Leben leicht zu nehmen. Vielleicht liegt es aber auch an der insgeheimen Gewissheit, dass es mit der Revolution womöglich doch nichts werden könnte. Appel ist anders. Man merkt ihm an, dass er sich und das Leben drumherum nicht allzu ernst nimmt. Er ist ein freundlicher Mensch, der gerne lacht, auch über sich.

Vermutlich ist das auch der Grund, warum er über die Parteigrenzen hinweg von vielen Menschen gemocht wird. Nicht nur einmal hat er zu hören bekommen, dass er doch die Partei wechseln solle. "In diesem Leben wird das aber nicht mehr passieren", sagt der Gießener. Er lächelt dabei. Sollen die anderen doch ihrem Verstand folgen. Appel bleibt lieber seinem jugendlichen Herzen treu.

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