Diese Kugel sagt nicht die Zukunft voraus. FOTO: CHH
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Diese Kugel sagt nicht die Zukunft voraus. FOTO: CHH

Vom Hellseher zum Sonnenlichtsammler

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Früher war die Wetterprognose nicht mehr als ein Stochern im Nebel. Keiner wusste, ob am nächsten Tag die Sonne scheint oder ein Gewitter tobt. Gerade für Ackerbauern war diese Ungewissheit ein großes Problem. Einen Blick in die Glaskugel, den hätten sich die Menschen früher also gerne gewünscht. Dr. Alissa Theiß, die Sammlungsbeauftragte der Justus-Liebig-Universität, hatte kürzlich diesen Einblick. Er brachte aber zunächst keine Klarheit, sondern eher Verwirrung.

Theiß hält eine Gerätschaft in den Händen, die tatsächlich an ein Requisit des Okkultismus erinnert. "Das ist über die geodätische Sammlung zu uns gekommen. Wir haben uns den Kopf zerbrochen, was es sein könnte." Natürlich hätten die Kollegen sich beim Anblick des Objekts an eine Wahrsagekugel erinnert gefühlt. Allerdings steht solch ein Instrument zum Hellsehen im krassen Widerspruch zur Geodäsie, die sich mit dem Vermessungswesen beschäftigt. Erst als Theiß erfuhr, dass die geodätischen Sammlung auch meteorologische Instrumente enthielt, ging ihr ein Licht auf. "Bei dem Objekt handelt es sich um einen Heliografen, auch Sonnenscheinautograf genannt." Hinter der Glaskugel befinden sich nämlich Schlitze, in die mit Uhrzeiten beschriftete Papierstreifen geschoben werden können. Dann wird das Instrument auf eine zwei Meter hohe Säule montiert und in die Sonne gestellt, erklärt Theiß. Die gläserne Kugel bündelt daraufhin das einfallende Licht, wie man es bei einer Lupe kennt, und brennt es auf das Papier. "Man sieht anschließend sehr genau, um wie viel Uhr die Sonne wie stark geschienen hat", sagt Theiß über das Gerät, das vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hergestellt worden ist.

Die (meteorologische) Zukunft kann die Glaskugel also nicht direkt voraussagen. Dafür aber indirekt. Schließlich wusste schon der französische Schriftsteller, Filmemacher und Abenteurer André Malraux: "Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern."

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