Hufbeschlaglehrmeisterin Melanie Striebinger zwischen Eisen (l.) und Hufen (r.). 0FOTO: SCHEPP
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Hufbeschlaglehrmeisterin Melanie Striebinger zwischen Eisen (l.) und Hufen (r.). 0FOTO: SCHEPP

Heiße Eisen für die Pferdefüße

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Die Zähmung des Pferdes war für den Menschen ein Quantensprung. Erstmals konnte er längere Strecken meistern, ohne sich dabei Blasen zu laufen. Vor Pflüge gespannt wurden die Rösser zu Ackergäulen und beflügelten die Landwirtschaft. Und wenn die edlen Tiere ihre Schuldigkeit getan hatten, füllten sie als Sauerbraten noch die hungrigen Mäuler ihrer Besitzer. Kein Wunder, dass der Mensch den Pferden eng verbunden ist und sich dementsprechend um sie gekümmert hat. Eindrücklich wird das in der Lehrschmiede der Justus-Liebig-Universität. Hier lagert eine Sammlung mit knapp 600 Hufeisen sowie über 500 Huf-, Knochen- und Gliedmaßenpräparaten.

Ein Teil der Sammlung ist im Kursraum ausgestellt, in dem die Studenten und angehenden Schmiede die Theorie des Handwerks erlernen. Die Praxis findet eine Etage tiefer statt, wie das schallende Hämmern beweist. Hufbeschlaglehrmeisterin Melanie Striebinger ist hier verantwortlich für die heißen Eisen. Sie bringt den Studenten und Weiterbildungsteilnehmern aber auch das dafür notwendige Wissen bei. "Die Sammlung", sagt Striebinger und zeigt auf eine Regalwand, "veranschaulicht unterschiedliche Erkrankungen des Hufes".

Leder bei Römern, Stroh bei Mongolen

Die hier präparierten und ausgestellten Hufe stammen allesamt von Pferden. Auf den ersten Blick könnte man jedoch meinen, ein Elefantenfuß hätte sich hier eingeschlichen. "Das Tier hatte Hufkrebs", sagt Striebinger beim Blick auf den klobigen Fuß und erklärt, dass bei dieser Erkrankung übermäßig viel Horn produziert werde. Noch heute gebe es diese Krankheit, dank des veterinärmedizinischen Fortschritts würden Ausmaße wie bei dem ausgestellten Huf jedoch nicht mehr vorkommen.

Neben den ausgestellten Hufen, die allesamt von Tieren mit unterschiedlichen Fuß- erkrankungen amputiert worden sind, steht auch ein Regal mit Hufeisen. Wobei "Eisen" nicht immer wörtlich zu verstehen ist. Striebinger schnappt sich zum Beleg ein Exemplar aus Plastik. "Die sind momentan sehr in. Aber auch schon 1930, 1940 wurde damit experimentiert." Anlass sei das damals in den Städten vielerorts verlegte Kopfsteinpflaster gewesen, dass die Gelenke der Tiere besonders stark belastet habe.

Die starke Belastung der Hufe war es auch, die den Menschen bereits in der Antike auf die Idee brachte, den Pferden einen Hufschutz zu verpassen. Die Römer etwa banden Eisen mit Lederriemen an die Hufe ihrer Pferde. Diese sogenannten Hipposandalen waren besonders für die militärische Nutzung von Bedeutung. Laut Striebinger haben sogar schon die Mongolen ihren Pferden Stroh um die Hufe gebunden.

Hufe extrem schmerzempfindlich

Seit diesen ersten Versuchen hat sich viel getan. Heute werden Hufeisen an die Anatomie des Tieres angepasst, sie haben orthopädische Funktionen. Daher reicht es auch nicht, jedem Tier vorgefertigte Fabrikhufeisen zu verpassen. "Gerade im orthopädischen Bereich müssen die Eisen angepasst werden", sagt Striebinger. Leider seien die Schmiedefähigkeiten heute längst nicht mehr so gut ausgeprägt wie vor etwa 100 Jahren. "Die Ausbildung war zu dieser Zeit viel besser. Im Krieg etwa musste die Arbeit schnell und gut gemeistert werden, damit die Tiere wieder einsetzbar waren." Heute sei für den Beruf hingegen eine Weiterbildung ausreichend, in der die Schmiedekunst nur einen kleinen Teil einnehme.

Was damals wie heute elementar ist: Der Huf des Tieres ist sehr schmerzempfindlich. "Es gibt nur eine dünne weiße Linie, in die die Nägel geschlagen werden dürfen. Sonst tut das den Tieren sehr weh", sagt Striebinger und fügt an, dass auch beim Zuschneiden der Hufe Vorsicht geboten sei. Die Hufbeschlaglehrmeisterin vergleicht das mit den Fingernägeln der Menschen: "Wenn die zu kurz geschnitten werden, haben wir auch Schmerzen."

All das und vieles mehr vermitteln Striebinger und ihre Kollegen anhand der Sammlung, zu der auch historisches Werkzeug und Lehrbücher gehören. Denn damit der Mensch das Glück dieser Erde auf den Rücken der Pferde erleben kann, brauchen die Gäule auch vier gesunde Füße.

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