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Verkehrsentwicklung

Heiße Debatte um Rad- und Busspuren am Gießener Anlagenring: Was sagen die Händler?

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Der Bürgerantrag zur Einrichtung von Rad- und Busspuren auf den beiden inneren Spuren des Anlagenrings sowie für einen Verkehrsversuch mit zwei Radstraßen-Achsen durch die Innenstadt spaltet die Stadt. An diesem Dienstag wird im parlamentarischen Ausschuss darüber diskutiert. In der GAZ kommen zuvor Protagonisten der Innenstadt zu Wort.

Gießen – Seit der Bürgerschaftsversammlung zum Bürgerantrag zur Einrichtung von Rad- und Busspuren auf zwei Spuren des Anlagenrings sowie für einen Verkehrsversuch mit zwei Radstraßen-Achsen durch die Innenstadt wird in Gießen über die Folgen diskutiert. Oft steht der Handel im Fokus. Was sagen Händler?

Heinz-Jörg Ebert, BID Seltersweg: Ich bin geschockt! Es gibt gute Ideen aus der Verkehrswende-Diskussion, die es gemeinsam zu entwickeln lohnt. Auch, dass die Initiatoren ihre Vorstellungen mit Nachdruck unterstreichen, kann ich mehr als nachvollziehen. Aber dass sich SPD und Grüne zu solchen Schnellschüssen hinreißen lassen, entbehrt jeder politischen Verantwortung. Es läuft seit einem Jahr ein Verkehrsentwicklungsplan, der in diesem Jahr Ergebnisse bringen soll. Vielleicht kann man das beschleunigen. Jedoch zuerst die Umsetzung und danach erst die Planung zu machen, scheint mir populistisch und fern jeden professionellen Vorgehens. Ein vor den Ergebnissen angestrebter Verkehrsversuch schafft mindestens ein Jahr Fakten, kostet ein Wahnsinnsgeld und gibt in der derzeit äußerst angespannten Situation dem ohnehin dahinliegenden Einzelhandel den Rest. Aber wie ein Teilnehmer der Versammlung sagte: »Der Handel stirbt ja eh«! Nett, wenn das politisch auch noch forciert wird.

Minas Adis, Gastronom und Weinhändler in der Bahnhofstraße: Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Idee für eine größere Attraktivität der Stadt sorgt. Man weiß ja, dass Städte, die Innenstädte weitgehend autofrei gestalten, zu den Gewinnern gehören. Es ist gut, mehr Ruhe in eine Stadt zu bringen. Natürlich auch ökologisch. Ob es zu Staus führt? Ich bin sicher, dass im Moment nicht nur Menschen aus dem Umland mit dem Auto zum Einkaufen in die Stadt fahren, sondern auch viele Gießener. Wenn die aufs Rad umsteigen würden, weil es attraktiver und sicherer ist, würde sich der Verkehr erheblich reduzieren. Nichtsdestotrotz muss vorher für eine gute Infrastruktur in Form von weiteren Parkangeboten am Anlagenring und einer besseren Organisation des Parksuchverkehrs gesorgt werden. Dann kann die Idee aber funktionieren. Ich würde begrüßen, den gesamten Bereich innerhalb des Anlagenrings - abgesehen vom Liefer-, Bus- und Anwohnerverker - autofrei zu gestalten.

Rad- und Busspuren am Gießener Anlagenring: „Entsetzt über Vorgehensweise“

Thomas Kirchhof, BID Marktquartier: Fahrradstraßen auf dem Anlagenring kollidieren an jeder Kreuzung und allen Einfahrten mit dem Auto- und Busverkehr und gehen am Bedarf vorbei. Quer durch die Innenstadt geht es doch viel besser. Nur die Querung der Fußgängerzone an der Goethestraße fehlt - ausgerechnet da will keiner ran! Die übrigen Innenstadt-Routen sind jetzt schon für Fahrräder gut nutzbar, doch teilweise ist dort starker Busverkehr. Fahrradstraße geht da gar nicht. Wird der Busverkehr dort aufgegeben, sind viele ältere und behinderte Menschen aus der Innenstadt verbannt. In manchen Branchen stammen 80 Prozent des Umsatzes aus dem Umland. Wegen des schlechten Bussystems im Landkreis sind viele Menschen - leider! - auf das Auto angewiesen. Aber unsere Forderungen nach einem besseren Busliniennetz werden von Stadt und Kreis ignoriert. Stattdessen soll nun mit einem als »Versuch« getarnten Umbau »das Pferd von hinten aufgezäumt« werden, was massive Schäden anrichten kann. Ich bin entsetzt über diese Vorgehensweise.

Arno Jung, Mitinhaber »Punkt und Strich« am Kirchenplatz: Das Konzept des Antrags erscheint mir einleuchtend. Es ist eine große Chance für Gießen, Profil zu gewinnen. Dieser sympathische Vorschlag würde Gießen einen modernen und jungen Touch geben. Die bisherigen Maßnahmen, zum Beispiel der Radstreifen in der Grünberger Straße, hatten keine negativen Folgen für den Autoverkehr, aber auch keine erhebliche Verbesserung für den Radverkehr. Einen großen Wurf fände ich sexy. Für mich liegt die große Chance darin, durch einen Dialog aller Beteiligten eine Vision zu entwickeln, wie Mobilität in Gießen 2035 stattfinden soll. Kein Verkehrsversuch sollte isolierte Maßnahmen testen, sondern als Mosaik verstanden werden. Man muss einbeziehen, wie 2035 eingekauft und gearbeitet wird. Aber schon jetzt muss man mit Elementen beginnen. Zwei bis vier gratis Pumpstationen für Räder, Handyparken, um den Stress der ablaufenden Parkuhr zu eliminieren, Infos über freie Parkplätze geben. Man sollte sich dem Verkehrsversuch wohlwollend kreativ nähern. Wie wäre es, die dritte Spur je nach Bedarf umzuschalten? Wir müssen das Wohl aller und das Wohl der Umwelt im Blick haben.

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