Vom heimischen Herd in die akademische Welt

Gießen (si). Als sich im Wintersemester 1908/09 die ersten 23 Frauen an der Universität Gießen immatrikulierten, dachte wohl im Traum niemand daran, dass Studentinnen einmal die Mehrheit an der Hochschule bilden würden. Dabei ist das längst Realität. Heute sind an der Justus-Liebig-Universität zwei Drittel aller Studierenden weiblich. Eine Erfolgsgeschichte also?

Gießen (si). Als sich im Wintersemester 1908/09 die ersten 23 Frauen an der Universität Gießen immatrikulierten, dachte wohl im Traum niemand daran, dass Studentinnen einmal die Mehrheit an der Hochschule bilden würden. Dabei ist das längst Realität. Heute sind an der Justus-Liebig-Universität zwei Drittel aller Studierenden weiblich. Eine Erfolgsgeschichte also? Sicherlich, aber keine, die linear verlaufen ist. Schwierigkeiten und Rückschläge waren und sind bis heute ihr Wegbegleiter. Das zeigt die Ausstellung "Vom heimischen Herd in die akademische Welt", die am Sonntagabend beim Festakt "100 Jahre Frauenstudium" eröffnet wurde und die noch bis zum 12. Dezember im Rektorenzimmer des Hauptgebäudes zu sehen ist. Dr. Eva-Maria Felschow, Dr. Irene Häderle und Dr. Carsten Lind haben nicht nur bekanntes Material aufbereitet, sondern auch viele neue Dokumente einbezogen. So spannt die Ausstellung einen weiten Bogen von den Anfängen des Frauenstudiums samt ihrer Vorgeschichte bis in das Jahr 1989, als die ersten beiden Frauenbeauftragten an der Universität Gießen ihre Arbeit aufnahmen.

Präsentiert werden die Ergebnisse auf 16 Schautafeln sowie in einigen Vitrinen, in denen beispielsweise das Immatrikulationsverzeichnis des Wintersemesters 1908/09 mit dem Eintrag "Anna Umanska" zu sehen ist, der ersten Gießener Studentin. Auch Fotos und Flugblätter finden sich dort. Vieles stammt aus Privatbesitz, die öffentlichen Archive gaben - bezeichnenderweise - nur wenig her. Einbezogen wurde auch ein 1966 erstelltes TV-Interview, in dem sich die Soziologin Helge Pross - damals eine der ersten Professorinnen an der Universität - über die Situation der Frauen an den Hochschulen äußert.

Die gesamte Ausstellung ist chronologisch geordnet. Sie wirft zunächst einen Blick ins 19. Jahrhundert und konzentriert sich dann auf das "Wendejahr" 1908, als in Gießen erstmals Frauen zum Studium zugelassen wurden - zeitgleich mit Marburg und Darmstadt, als letzte Hochschulen in ganz Deutschland. Es folgen Kaiserzeit und Weimarer Republik, als die Zahl der Studentinnen an der Ludoviciana kontinuierlich stieg, auch wenn der landesweite Durchschnitt von zehn Prozent stets unterschritten wurde. Viele Studentinnen der allerersten Jahre belegten übrigens Medizin oder ein naturwissenschaftliches Fach, später gewann das Berufsziel "Gymnasiallehrerin" zunehmend an Attraktivität.

Mit Beginn des Dritten Reichs wurden die Frauen gezielt aus der Hochschule gedrängt, erst im Zweiten Weltkrieg durften sie im Hörsaal die Lücke füllen, die die einberufenen Männer hinterlassen hatten.

Die Besucher der Ausstellung erfahren auch, dass sich in den ersten Jahrzehnten nur relativ wenig Frauen nach dem Examen oder Diplom wissenschaftlich weiterqualifizierten. Schon die Promotion war selten, und nur drei Akademikerinnen erlangten bis 1945 die Habilitation, darunter die Archäologin Margarete Bieber als Pionierin in Gießen. Keine von ihnen erreichte (aus unterschiedlichen Gründen) das eigentlich angestrebte Ziel, eine ordentliche Professur.

"An der Universität nichts Neues" heißt es in der Ausstellung über die Jahre 1945 bis 1960; unmittelbar nach Kriegsende litten Frauen besonderes an den Zulassungsbeschränkungen, weil sie nicht als Kriegsteilnehmer galten und deshalb Männern den Vortritt lassen mussten.

Der entscheidende Wendepunkt fällt in das Jahr 1960: Innerhalb von drei Semestern vervierfacht sich die Zahl der Studentinnen von 245 auf 1055 - die allermeisten schreiben sich in der Pädagogischen Hochschule ein, die der Justus-Liebig-Universität angegliedert wird. Hier zeigen sich die Folgen der neuen Bildungspolitik, mit der die Politik dem Fachkräftemangel entgegenwirken will und von der jetzt auch Frauen profitieren. Genau in dieser Zeit (1961) erhält die Universität Gießen auch ihre erste (!) ordentliche Professorin, Hildegard Hetzer, sie lehrt pädagogische Psychologie. Bis 1970 werden nur sechs weitere Professorinnen berufen.

In den 70ern beginnen jungen Frauen dann in einem bisher nicht bekannten Maße für ihre Rechte zu kämpfen. Auch an der Justus-Liebig-Universität entstehen Frauengruppen, sie wollen die "Frauenfrage" in den Lehrveranstaltungen wiederfinden, in der Soziologie lehrt mit Carol Hagemann-White die erste feministische Wissenschaftlerin. Zur 375-Jahr-Feier der Hochschule (1982) rufen Studentinnen die "Frauen-Universität Gießen" aus, eine Woche lang laufen selbst organisierte Vorträge und Seminare zu Themen der Frauenforschung. Dass sich gegen dieses Selbstverständnis auch Widerstand regt, zeigt exemplarisch der Fall eine feministischen Pädagogikstudentin, die sich die Zulassung ihrer Magisterarbeit vor Gericht erstreiten muss.

Die Ausstellung im Rektorenzimmer ist montags bis freitags von 9 bis 18.30 Uhr geöffnet. Gruppenführungen nach Absprache unter Tel. 99-14 060 (Universitätsarchiv). Zur Finissage am 12. Dezember wird eine von der Frauenbeauftragten Marion Oberschelp herausgegebene Festschrift zum gleichen Thema vorgestellt.

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