"Heimat ist kein Gefühl"

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Fast jeder hat sie, aber kaum jemand kann genau sagen, was sie ausmacht: Die Heimat ist nicht erst seit Chemnitz ein großes Rätsel. Wohl auch deshalb wählten alle Teilnehmer beim Gießener Gespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung "Heimat ist ein Gefühl" am Donnerstag im Mathematikum dieselbe Taktik: Sie näherten sich dem Phänomen, indem sie es beständig umkreisten. "Das Wort Heimat wird oft nur im Verlustmodus verwendet", meinte etwa Manuel Becker. "Es erscheint dann entweder als Zerrbild des Vergangenen oder als Modellbild des Zukünftigen."

Fast jeder hat sie, aber kaum jemand kann genau sagen, was sie ausmacht: Die Heimat ist nicht erst seit Chemnitz ein großes Rätsel. Wohl auch deshalb wählten alle Teilnehmer beim Gießener Gespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung "Heimat ist ein Gefühl" am Donnerstag im Mathematikum dieselbe Taktik: Sie näherten sich dem Phänomen, indem sie es beständig umkreisten. "Das Wort Heimat wird oft nur im Verlustmodus verwendet", meinte etwa Manuel Becker. "Es erscheint dann entweder als Zerrbild des Vergangenen oder als Modellbild des Zukünftigen."

Die "Renaissance des Heimatbegriffs" sah der Politikwissenschaftler eng mit der Flüchtlingskrise verknüpft. Unter dem Eindruck von Globalisierung und Digitalisierung habe sie "die deutsche Öffentlichkeit in zwei Lager gespalten" und "die pragmatische Mitte zerrieben". Zukunftsängste mischten sich so mit einer Polarisierung der Diskussion. Die Leitfrage der Veranstaltung, ob Deutschland "zerrissen" sei, verneinte Becker jedoch: Er beobachte "die normale Reaktion einer in Wandlungsprozessen befindlichen Gesellschaft".

An dieser Stelle widersprach ihm der HR-Journalist Christoph Scheld. Bei seiner Arbeit treffe er immer öfter "Menschen, die sich da, wo sie zu Hause sind, nicht mehr daheim fühlen" – und die reagierten, indem sie sich von Institutionen abwendeten. Umso nachdrücklicher forderte Scheld "eine breite Debatte darüber, was Heimat ist". Genau die wertete Joachim Klose, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Sachsen, wiederum als Warnsignal: "Wenn die Heimat im öffentlichen Diskurs auftaucht, ist sie bereits verloren gegangen."

Klose präsentierte drei Dimensionen des Begriffs. "Heimat ist kein Gefühl", stellte er zuvor klar, "sondern ein Spannungsverhältnis zwischen innerer Wahrnehmung und äußeren Einflüssen". Betrachte man sie als "raumzeitliche Entwicklung", habe sie sich vor allem für viele Ostdeutsche nach der Wende zu schnell verändert, um nicht bedroht zu erscheinen. Parallel sei der "Sozialraum Heimat", etwa durch Abwanderung in den Westen und die Überalterung ganzer Regionen, stetig geschrumpft. Und trotz alledem reiche das einigende "Narrativ Heimat" der Bundesrepublik bis heute "nicht über den Materialismus hinaus".

Als das Publikum zu Wort kam, ging es so mal um Politik, mal um Wirtschaft, dann wieder um Soziales. Zum Thema "Migration und Flüchtlinge" hielten sich optimistische und pessimistische Beiträge die Waage. "Gerade bei den Jüngeren ist eine große Toleranz da", betonte eine Zuhörerin. "Wie sind wir noch in der Lage, gute Integrationspolitik zu machen bei immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund?", stellte ein Mann die Gegenfrage. Und ein homosexueller 18-Jähriger berichtete, sein Freund und er würden bisweilen auf offener Straße "bespuckt und beleidigt". Den Zusammenhang zur Migration zog er zwar nicht direkt. Allerdings beklagte er "gewisse Parallelgesellschaften".

Für einen Perspektivwechsel plädierte Klose. Beispiel Islam und Deutschland: Vielen Migranten bleibe von ihrer Heimat eben nur die Religion, wenn sie hierher kämen. Entsprechend könne diese überproportional an Bedeutung gewinnen. Eine Gesellschaft, die so etwas wisse, müsse "gemeinsam um eine neue Beheimatung ringen" – und möglichst "eine Leitkultur als Rahmen" definieren.

Je schneller diese Diskussion Fahrt aufnimmt, desto eher geht auch ein Wunsch Beckers in Erfüllung. "Die Lautsprecher" stünden zu oft im Mittelpunkt, kritisierte er. Dies verstelle den Blick auf das Wesentliche: "Die Demokratiemüden sind eine viel größere Gefahr für die Zukunft als die Demokratieverächter."

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