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Dow Aviv sympathisiert schon seit seiner Ankunft in Deutschland mit der FDP.

Heimat Israel, zu Hause in Gießen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Gießen (chh). Dow Aviv ist eine Gießener Persönlichkeit. Er hat im Sport Spuren hinterlassen, die Jüdische Gemeinde mit aufgebaut und vor allem einen Beitrag zur Versöhnung zwischen Deutschland und Israel geleistet. Wenn es nach ihm geht, mischt er demnächst auch noch im Gießener Stadtparlament mit. Aviv steht auf Listenplatz 9 der FDP. Sein Engagement ist umso bemerkenswerter, da er bei seiner Ankunft in Gießen kein gutes Bild von seinen Mitbürgern hatte.

»Für mich war klar: Alle Deutschen sind Nazis.«

Aviv ist 1953 geboren und in einem kleinen Dorf in Israel aufgewachsen. »Auf einem Bauernhof in ärmlichen Verhältnissen«, wie er sagt. Als er ein Jahr alt ist, erkrankt er an Kinderlähmung. Noch heute spürt er die Nachwirkungen, ein Bein blieb dauerhaft gelähmt. Das hinderte ihn aber nicht daran, sportlich für Aufsehen zu sorgen. »Ich war schon früh in Sporteinrichtungen aktiv. Schwimmen ist noch heute eine Leidenschaft von mir.« Im Rollstuhlbasketball schaffte es Aviv sogar bis in die israelische Nationalmannschaft. Er war Jahre später Mitbegründer des RSV Lahn-Dill. Sein Weg führte also nach Deutschland. Ein Umstand, der beinahe die gesamte Familie zerriss.

»Es ist ein Wunder, dass meine Eltern und Großeltern die Shoah überlebt haben«, sagt Aviv. Sein ganzes Umfeld habe auch nach der Nazi-Herrschaft Probleme mit Deutschland gehabt. »Vor allem mein Vater. Er hat jahrelang keine deutschen Produkte gekauft.« Aviv senior war in Auschwitz und Dachau. Er selbst überlebte, viele Freunde und Verwandte nicht. »Ich habe erst mit 15 erfahren, was meine Familie durchgemacht hat. Die Geschichten saßen lange tief in mir drin.« Und trotzdem entschloss sich der Sohn dazu, als 24-Jähriger nach Deutschland zu gehen.

»Ich wollte schon immer Tierarzt werden«, sagt Aviv und begründet das vor allem mit den vielen Vierbeinern auf dem elterlichen Bauernhof. Doch seinerzeit war es in Israel nicht möglich, Veterinärmedizin zu studieren. »Es gab genügend Migranten, die Tierärzte waren«, erklärt Aviv, der daher zunächst Biologie studierte. Glücklich wurde er damit aber nicht. Also schmiss er das Studium und arbeitete als Programmierer sowie als Schwimmtrainer. Doch das reichte ihm nicht. Zusammen mit seiner Ehefrau, die er 1976 geheiratet hatte, wollte er in der Ferne sein Glück versuchen. Australien und Amerika waren potenzielle Ziele, für ein Studium in Bologna lernte Aviv sogar schon Italienisch. Doch es kam anders.

»Meine Frau, sie war Krankengymnastin, hat dort keine Stelle gefunden. Wir waren aber auf ihr Gehalt angewiesen«, erzählt Aviv. Ein Zufall sorgte dann für die Entscheidung. Aviv traf einen alten Schulfreund, der in Marburg Medizin studierte und ihn überzeugte, nach Gießen zu kommen - schließlich gab es hier schon damals eine renommierte veterinärmedizinische Fakultät. Für seine Familie sei sein Gang nach Deutschland ein Stich ins Herz gewesen, sagt Aviv. »Meine Eltern haben zweieinhalb Jahre nicht mit mir gesprochen.« Und auch er selbst hatte große Vorbehalte.

»Ich habe schnell festgestellt, dass für viele Deutsche der Holocaust Tabu war.« Trotzdem suchte Aviv immer wieder das Gespräch, teils auch provozierend, wie er sagt. Er habe dadurch versucht, seine eigene Sichtweise zu ändern. »Die Vorstellung, alle Deutschen sind Nazis, war wie eine angezogene Handbremse für mich.«

Neben der Vergangenheit sorgte auch die Gegenwart für Anlaufschwierigkeiten. Bis auf ein paar Brocken, die Aviv durch das Jiddische seiner Großeltern konnte, verstand der Neuankömmling kein Deutsch. Er besuchte daher die Volkshochschule und konnte nach einem Jahr den sprachlichen Aufnahmetest für das Studium meistern. Endlich Veterinärmedizin.

Mit den Jahren lebte sich Aviv in Gießen ein. Auch dank der jüdischen Gemeinde, der er von Anfang verbunden war und dessen Vorsitzender er heute ist, änderte sich seine Sicht auf seine neue Heimat. Über einen seiner Professoren kehrte er auch zum Rollstuhlbasketball zurück, baute den RSV Lahn-Dill mit auf und spielte für den Verein sogar in der ersten Bundesliga. Seine Frau brachte eine Tochter zur Welt, wodurch auch das Verhältnis zu seinen eigenen Eltern heilte. »Sie haben mich sogar hier in Gießen besucht«, sagt Aviv. Seine Miene verrät, wie wichtig ihm diese Aussöhnung ist. Nur das mit dem Tierarzt sollte nicht klappen.

»Ich hatte einen Unfall, als ich mit meiner Tochter im Schwimmbad war«, erzählt Aviv. Er riss sich dabei sämtliche Bänder im Knie seines gelähmten Beines. Aviv musste mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben. Das war aber nicht das Einzige, was in die Brüche ging. »In dieser Zeit haben meine Frau und ich uns getrennt.« Obendrein musste sich Aviv eingestehen, dass das lädierte Bein nicht die beste Voraussetzung für die Arbeit als Tierarzt war. »Stattdessen bin ich Zahnarzt geworden«, sagt Aviv. Nach einer kurzen Pause fügt er an: »Der Traum ist also Traum geblieben.«

Glücklich wurde Aviv trotzdem. Er lernte eine neue Frau kennen, die zwei Kinder in die Beziehung mitbrachte. »Wir sind eine Patchwork-Familie. Zu allen drei Kindern habe ich ein wunderbares Verhältnis. Sie haben mir auch zwei Enkelkinder geschenkt.«

Die Stimmen seiner Familie dürften Aviv bei der Kommunalwahl sicher sein. Der Gießener sagt, schon seit seiner Ankunft in Deutschland 1978 mit der FDP sympathisiert zu haben. Das gelte bis heute, auch wenn er kein offizielles Mitglied sei. »Die radikalen Seiten links und rechts waren mir immer fremd. Für mich war die liberale Demokratie die beste Wahl.« Aber auch, wenn er es nicht ins Parlament schaffen sollte, werde er politisch aktiv bleiben, sagt Aviv. »Wenn man aus Israel kommt, kann man nicht unpolitisch sein.«

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