Doktorand Daniel Höhn bringt den von den Soroptimistinnen gespendeten Nistkasten an. Prof. Petra Quillfeldt (r.) ist Leiterin des Projekts. FOTO: CHH
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Doktorand Daniel Höhn bringt den von den Soroptimistinnen gespendeten Nistkasten an. Prof. Petra Quillfeldt (r.) ist Leiterin des Projekts. FOTO: CHH

Ein Heim für Stadtvögel

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Wer den Alten Friedhof besucht, könnte meinen, das Areal sei ein Habitat für Hunde. Tatsächlich aber sind es vor allem Vögel, die hier zu Hause sind. Eine Forschungsgruppe der JLU untersucht die Tiere und ihren Lebensraum. Soroptimist unterstützt das Projekt mit Nistkästen.

Leiter, Hammer und Nagel: Mehr braucht Daniel Höhn nicht, um den Nistkasten an dem Baum anzubringen. Ein paar Schläge, fertig ist das Domizil. Die neuen Bewohner stehen noch nicht fest. Vielleicht Blau- oder Kohlmeise, womöglich Kleiber oder Rotkehlchen, es ist aber auch nicht auszuschließen, dass der bedrohte Gartenrotschwanz hier einziehen wird. Denn all diese und viele weitere Vögel haben den Alten Friedhof als Lebensraum gewählt.

Weniger Eier als im Wald

Höhn ist Biologiestudent an der JLU. Er schreibt in der von Prof. Petra Quillfeldt geleiteten Arbeitsgruppe "Verhaltensökologie und Ökophysiologie" seine Doktorarbeit. Die zehn Nistkästen, die Höhn an diesem Nachmittag aufhängen wird, hat der Gießener Club Soroptimist International gesponsert. Die Idee der Spende stammt von Mitglied Dietgard Wosimsky, die auch im Freundeskreis Alter Friedhof aktiv ist. "Wir möchten damit auf den Alten Friedhof als schützenswerten Lebensraum für einen wertvollen Vogelbestand aufmerksam machen", sagt Wosimsky.

Und schützenswert ist das Habitat allemal, wie Projektleiterin Quillfeldt betont. "Der Alte Friedhof ist ein großes, zusammenhängendes, grünes Gebiet mitten in der Stadt mit einer guten Anzahl an Vogelpaaren und großer Vielfalt."

Das Projekt der Uni besteht seit 2013. Dabei werden die Lebensräume Wald, Streuobstwiese und Stadt miteinander verglichen. Das Team um Quillfeldt will unter anderem herausfinden, welchen Einfluss die Umgebung auf den Bruterfolg der Vögel hat. "Es gibt auch schon erste Ergebnisse", betont die Biologin. Demnach legen Vögel in städtischen Gebieten, in die die Tiere durch die Ausbreitung der urbanen Gebiete immer häufiger ausweichen, von vorneherein weniger Eier. Außerdem würden die Vögel vom Alten Friedhof nur einmal im Jahr brüten, im Wald folge häufig noch eine zweite Brut. Das liege am geringeren Nahrungsangebot in der Stadt, die Insekten würden fehlen. "Dafür ist die Überlebensrate hier in der Stadt sehr gut", betont Quillfeldt. Um diese und weitere Erkenntnisse gewinnen zu können, besuchen die Forscher wöchentlich die 100 Nistkästen im Alten Friedhof sowie die zusätzlichen 500 in den anderen Habitaten der Umgebung. "Wir fangen ab Ende März an, die Nistkästen zu kontrollieren", sagt Höhn.

600 Nistkästen, 100 am Alten Friedhof

In diesem Zuge dokumentiere das Team nicht nur den Zeitpunkt von Nestbau und Eiablage, es vermesse, wiege und fotografiere auch die später geschlüpften Küken. Auch die Ausscheidungen der Tiere werden untersucht, um so Rückschlüsse auf das Nahrungsangebot zu erhalten. "Die Spende ist daher sehr hilfreich für uns", sagt Höhn mit Blick auf die Frauen des Serviceclubs. "Die Nistkästen werden bestimmt schon in diesem Frühling genutzt."

Und das vielleicht auch von den kommenden Generationen. Denn laut Quillfeldt konnte durch das Projekt auch nachgewiesen werden, dass die Vögel, die auf dem Alten Friedhof schlüpfen, auch im Erwachsenenalter hier leben. Der Stadtvogel ist also, im übertragenen Sinne, ein Nesthocker.

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